Tage-Buch von 1812/Abschnitt I

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Abschnitt I.
Vorbereitungen. Marsch aus der Garnison nach Leipzig. Eintheilung der würtembergischen Truppen in das 3te Armee-Corps. Marsch an die Oder. Stimmung in Preußen. Marsch an die Weichsel. Polen und seine Bewohner. Harte Maßregeln zur Sicherung der Verpflegung. Marsch an den Niemen.
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Im Januar 1812 ertheilte der König von Würtemberg den Befehl, die zum Ausmarsch bestimmten Regimenter auf den Feldfuß zu setzen, was bei uns jungen Militairs große Freude erregte. Ich war damals nicht viel über zwanzig Jahre alt, Oberlieutenant und Adjutant des Infanterie-Regiments No 1 Prinz Paul, und stand in Ludwigsburg in Garnison.

Der Oberst von Bünau, seit 1808 Commandant unseres Regimentes, wurde durch den Oberst von Dernbach ersetzt.


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Wir verloren einen rechtlichen unpartheiischen Führer und erhielten dagegen einen eiteln, dieser Stelle in keiner Hinsicht gewachsenen Vorgesetzten, welcher, aufgeblasen durch die hohe Meinung die unbegreiflicherweise der König[GWR 1] von seinen Fähigkeiten zu haben schien, mit Grobheit seinen Mangel an Dienstkenntnißen zu verdecken suchte, wie solches damals leider bei vielen der höhern Offiziere der Fall war.

Zu Ende Februar conzentrirte sich das Truppen-Corps in der Gegend von Heilbronn und es übernahm der Kronprinz den Oberbefehl. Die Infanterie commandirte der Generallieutenant von Scheler, die Reiterei der Generallieutenant von Wöllwarth, die Artillerie der Oberstlieutenant von Brand; Chef des Generalstabs war Generalmajor von Kerner. Die Infanterie-Regimenter No1 und 4 bildeten die 1te Brigade unter den Befehlen des Generalmajors Ernst von Hügel.

Nachdem der König in der Gegend von Öhringen Revue gehalten und so zu sagen Abschied von uns genommen hatte, brach das Corps am 11ten März auf, um in vier Colonnen über Mergentheim, Marktbreit, Wiesenheit, Neusaß,


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Haßfurth, wo wir den Main auf Fähren übersetzten, nach Coburg zu marschiren. Von da nahm es seine Richtung über den Kahlert, einen Gebirgspaß des Thüringer Waldes, nach Saalfeld, Rudolstadt und Leipzig, wo mein Regiment am 28ten eintraf und in der Stadt einquartiert wurde.

Von Rudolstadt aus nahm ich Urlaub nach Weimar, um meine Schwester Sophie zu besuchen, welche Hofdame bei der damaligen Herzogin war. Ich freute mich sehr vor einer sich so großartig ankündigenden Weltbegebenheit, welche mich vielleicht für längere Zeit von dem Vaterland entfernt halten konnte und die voraussichtlich mit mancherlei Gefahren verknüpft war, wenigstens ein Glied meiner Familie zu sehen. Ich wurde bei Hof sehr gnädig aufgenommen und zur Tafel gezogen. Die Erbprinzeß, Großfürstin Marie von Rußland, war so gnädig, mir ein, in rußischer Sprache abgefaßtes, offenes Empfehlungsschreiben an ihre Landsleute mitzugeben, von welchem ich jedoch nie Gelegenheit fand, Gebrauch zu machen. Dasselbe wurde mir auf dem Rückweg in Kowno mit meiner ganzen übrigen Habe von den Franzosen geraubt. Ich


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bin froh nicht in die traurige Nothwendigkeit versetzt worden zu seyn, von diesem Empfehlungsschreiben Gebrauch zu machen, gleichwohl bedauere ich sehr, dasselbe verloren zu haben. Es würde für mich stets ein schätzbares Andenken huldvoller Fürsorge gewesen seyn. −

In Leipzig erhielt das würtembergische Corps die Bestimmung, als 25te Division der großen Armee, zu dem 3ten Armee-Corps zu stoßen, zu welchem noch die Divisionen Ledrü und Razout zählten. Am 4ten April brachen wir gegen die Oder auf, wo wir am 14ten in dem Lebus’schen Kreis Cantonierungen bezogen. Bis zum Eintritt in den preußischen Staat waren wir überall freundlich aufgenommen worden. Auch hier konnten wir gerade nicht über einen schlechten Empfang klagen; es war jedoch nicht zu verkennen, daß die Preußen die Niederlage von 1806 nicht vergessen hatten und mit Ungedult die, damals allerdings sehr entfernt geglaubte, Gelegenheit erwarteten, das drückende Joch abzuschütteln und sich zu rächen. Wenn dieser Haß vor allen Andern die Franzosen traf, so hatten doch auch die Würtemberger Anlaß dazu gegeben, denn ihre Aufführung


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in den Jahren 1806 und 1807 in Schlesien, wo sie unter den Befehlen des, durch seine Raubsucht berüchtigten, Generals Vendamme standen, war mit unter recht schlecht gewesen. Das Benehmen Einiger unter ihnen war abscheulich zu nennen, und es war in der That nur zu verwundern, daß die Preußen keinen größern Widerwillen gegen uns zeigten.

In diesen Cantonirungen verweilten wir bis zum 2ten Mai. Außer einer Revue vor dem Corps-Commandanten, Marschall Ney, fiel nichts bemerkenswerthes vor. Ich hätte mich sehr gerne für einige Tage nach dem unweit entfernten Berlin begeben, mein ängstlicher Oberst[GWR 2], den die geringste Kleinigkeit in Verzweiflung setzte, wollte mir jedoch keine Erlaubniß dazu ertheilen. Am 3ten Mai bezogen wir recht gute Quartiere in Frankfurt a. d. Oder. Acht Tage später brachen wir nach der Weichsel auf, wo wir am 21ten dieseits Thorn eintrafen.

Die Gegenden Polens, welche wir auf diesem Marsch durchzogen, sind fruchtreich und haben Viehzucht, ihr Anblick ist aber eben so traurig, wie der ihrer Bewohner: Tannenwälder


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wechseln mit Sandflächen ab; selten daß diese Monotonie der Gegend durch einen Berg unterbrochen wird. Kleine Seen findet man oft, ihre Ufer sind aber flach und sandig, von keinem frischen Grün belebt. Außer den Edelhöfen sieht man nichts als elende mit Stroh bedeckte Lehmhütten. −

Die Bevölkerung Polens zerfällt in den hohen und den niedern Adel, in Leibeigne und Juden. In den Städten findet man freie Bürger und mehr Civilisation als auf dem Lande, überall aber, besonders auf letzterem, abscheuliche Unreinlichkeit und Ungeziefer aller Art. Der höhere Adel hat einen Anstrich von Bildung, aber auch bei ihm findet sich, bei vielem Luxus, Rohheit und Schmutz. Die Juden haben beinahe ausschließlich den Handel an sich gerißen, auch sind sie Besitzer der Wirthshäuser und Schnapskneipen und treiben alle Handwerke. Sie sind sehr verschmitzt und es ist sehr zu rathen, sich vor ihren Betrügereien zu hüten. Für Geld lassen sie sich zu allem gebrauchen. Sie sprechen durchgängig mehr oder weniger deutsch und waren uns, trotz ihrem Hang zur Betrügerei, von


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großem Nutzen. – Besonders widrig war mir die Unterwürfigkeit der Landleute. Eine Bitte wurde selten anders als auf den Knien liegend und mit den Geberden der tiefsten Unterwürfigkeit vorgebracht. −

Die Nation schmeichelte sich, Napoleon werde ein Königreich Polen herstellen, wozu durch das seit 1807 gebildete Herzogthum Warschau, der erste Schritt gethan zu seyn schien. Man sprach sogar schon davon, der General Fürst Poniatowsky wäre zum König bestimmt. Diese Idee scheint jedoch der Kaiser nie ernstlich gehabt zu haben, und es vorerst nur seine Absicht gewesen zu seyn, die vortrefflichen militairischen Eigenschaften und den Haß der Polen gegen die Rußen zu seinem Vortheil auszubeuten.

Das Land wurde nichts weniger als uns befreundet behandelt und es war nicht wohl möglich in Feindesland ärger zu hausen, als es von der großen Armee in Polen und Altpreußen geschah: An der Weichsel angekommen, erhielten wir den Befehl, uns auf dem Weg der Requisition für 25 Tage mit Lebensmitteln aller Art zu versehen. Die Ausführung


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dieser Maßregel blieb den Truppen innerhalb ihrer Cantonirungs-Bezirke überlassen und es erhielt dadurch ein jedes Regiment seine Heerde Schlachtvieh und eine Menge mit Brod, Mehl, Fourage u.s.w. beladene elende Vorspannswagen. Bei dieser harten, vom Kaiser selbst angeordenten, Maßregel konnte es nicht ausbleiben, daß sich Mißbräuche einschlichen. Hohe und Mindere erlaubten sich Erpreßungen aller Art. Bei der gewaltsamen Wegnahme von Lebensmitteln kamen auch Plünderungen und Betrügereien vor. Die Vorspannsbauern wurden geplagt und oft absichtlich nicht entlassen, um sie zur Verzweiflung zu bringen, wo sie dann oft alles im Stich ließen und wegliefen, wodurch die Wagen und Pferde Eigenthum des Regimentes wurden und durch Soldaten bedient werden mußten, was die Disziplin gefährdete und den Stand der streitbaren Mannschaft verminderte. −

Zur Ehre meines Obersten[GWR 3] muß ich sagen, daß er die Härte der Maßregel zu mildern suchte, wo es möglich war und keine Mißbräuche duldete. Die Franzosen warfen alle Schuld auf ihre Verbündeten, machten es aber um nichts besser.


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Der Kaiser, der ohnedies die Gegenwart des Kronprinzen nicht gerne sah, nahm die Gelegenheit wahr, um ihn über die bei der Division Statt findenden Unordnungen auf das härteste anzulassen, und sagte ihm sogar, daß er seine Generale totschießen lassen werde. Die eigentliche Absicht dabei war aber, den Kronprinzen zu schikaniren, ihn zu veranlaßen das Commando niederzulegen und uns französische Generale zu geben. Der Anfang damit wurde bereits an der Oder gemacht, indem das 2te Reiter-Regiment Herzog Louis der Reserve-Cavalerie, unter dem König von Neapel, zugetheilt wurde, und bevor wir über den Niemen gingen, sahen sich auch die drei andern Regimenter in französische Brigaden eingetheilt. Auf diese Weise suchte der Kaiser das gehäßige der von ihm ausgegangenen Maßregel auf uns zu wälzen, und zu gleicher Zeit der Auflösung der würtembergischen Reiter-Division einen Anstrich von Gerechtigkeit zu geben. In Folge dieser Auflösung wurden die Generale von Wöllwarth und von Walsleben, von denen der erstere allerdings nicht vorwurfsfrei war, überzählig und reisten in das Vaterland zurück.


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Am 26ten Mai marschirten wir nach der am rechten Weichselufer liegenden Festung Thorn, den 2ten Juni nach Strasburg und den 5ten nach Lebau. Hier zeigte sich bereits ein so großer Mangel an Fourage, daß die sämtliche Cavalerie, durch Tagesbefehl des Kaisers, auf grünes Futter gesetzt wurde, d. h. es wurde die Erlaubnis ertheilt, die grüne Frucht abzumähen und zu füttern. − Den 14ten Juni trafen wir in Gerdauen ein, und den 17ten in Goldapp, wo wir zum letztenmal einquartiert wurden. Den 20ten conzentrirte sich das ganze Armee-Corps im Lager bei Kalwary. Wir hofften hier einige Tage zu bleiben, indem es sehr nöthig wurde, die durch die angestrengten Märsche abgenutzte Fußbekleidung der Mannschaft herzustellen, auch waren unsre Lebensmittel noch nicht eingetroffen; wir mußten jedoch am 21ten Abends nach dem Niemen aufbrechen, wo wir am 23ten bei Dobelin eintrafen. Waren die Märsche bis Kalwary anstrengend gewesen, so war es der von da bis an den Niemen noch weit mehr. Kaum daß man am Tage einige Stunden anhielt, um abkochen zu lassen; da jedoch das Schlachtvieh nicht folgen konnte, so fand auch keine


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regelmäßige Austheilung der Lebensmittel statt, und wir waren genöthigt den eisernen Vorrath von Zwieback und Mehl anzugreifen, welchen der Soldat in seinem Tornister trug. Zu diesen Beschwerden gesellte sich eine große Hitze, schlechtes oft ganz ungenießbares Wasser, und tiefe Sandwege, welche oft Tagelang durch dichte Tannenwälder führten, wo kein kühlendes Lüftchen die ermatteten Menschen und Thiere erquickte. Die Folge davon war, daß unsere, in Kalwary ganz vollzählig gewesene, Infanterie auf diesem, beinahe unausgesetzt drei Tage und drei Nächte dauernden Marsch, den sechsten Theil ihrer Leute zurückließ. Hier kam es auch vor, daß wir eine große Strecke weit durch einen, auf beiden Seiten des Weges brennenden Wald marschiren mußten, was besonders für die Munitionswagen eine böse Aufgabe war, die einzeln im Galopp durchfuhren.

Napoleon hatte durch die außerordentliche Schnelligkeit, mit welcher er von der Weichsel an den Niemen vorgerückt war – eine Strecke von circa 80 Meilen in 20 Tagen, die Rasttage mit eingerechnet – allerdings den


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großen Vortheil erreicht, daß er bereits am Niemen stand, als der rußische Kaiser die Befehle zur Vereinigung seiner Armee bei Wilna ertheilte; er hatte somit die rußische Armee völlig überrascht. Die angestrengten Märsche von der Weichsel an den Niemen hatten aber große Lücken verursacht, welche nicht wieder ausgefüllt werden konnten, vielmehr immer größer wurden, denn der Kaiser gönnte uns, um die Früchte der Überraschung nicht zu verlieren, von dort an keine Ruhe mehr, so daß diejenigen, welche krank oder ermattet auf den Märschen zurückblieben, nicht nachkommen konnten, die schlecht bestellten Spitäler füllten, oft aber schon unterlagen, bevor sie dieselben erreichten. −

Die an der Weichsel mit so großer Härte zusammengebrachten Vorräthe konnten nicht folgen und gingen beinahe ganz verloren. Dasselbe Schicksal hatten die großen mit bedeutenden Kosten organisirten Fuhrwesens-Colonnen und die mit Ochsen bespannten Mehlwagen. Mangel an Futter und große Anstrengung tödteten die Ochsen, welche am Wege liegen blieben und die Luft verpesteten, was eine große Plage für die Nachkommenden war.

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Anmerkungen der Artikel Redaktion im GenWiki:

  1. König von Württemberg
  2. Oberst von Dernbach
  3. Oberst von Dernbach