Tage-Buch von 1812/Abschnitt II

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Abschnitt II.
Beginn der Feindseligkeiten. Überschreitung des Niemens. Marsch bis in das Lager von Raskimosy.
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An dem Niemen wurde uns folgende hochtrabende Proklamation des Kaisers bekannt gemacht:[GWR 1]

„Soldaten! Der zweite polnische Krieg hat angefangen. Der erste endigte bei Friedland und in Tilsit; Rußland hat in Tilsit Frankreich einen ewigen Bund, England aber Krieg zugeschworen; heute wird dasselbe seinem Schwur untreu; es will nicht früher Aufschluß über sein sonderbares Benehmen geben, als bis die französischen Adler über den Rhein zurückgegangen seyen, wodurch unsere Verbündeten seiner Willkühr überlassen bleiben würden. Rußland wird durch sein böses Geschick hingerißen! Sein Schicksal mag in Erfüllung gehen! Glaubt es uns entartet? Sind wir nicht mehr die Soldaten von Austerlitz?

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Es läßt uns die Wahl zwischen der Schande und dem Krieg: die Wahl kann nicht zweyfelhaft seyn; laßt uns also vorrücken, den Niemen überschreiten und den Krieg auf sein Gebiet versetzen! Der zweite polnische Krieg wird für die französischen Waffen eben so ruhmvoll als der erste seyn; auch wird er seine Schadloshaltung darin finden, daß er dem stolzen Einfluß ein Ziel setzt, den Rußland seit fünfzig Jahren auf die europäischen Angelegenheiten ausübt.“

Diese Proklamation vertrat die Stelle einer Kriegserklärung. Napoleon verließ in der Nacht vom 22ten auf den 23ten Juni Wilkowisky und begab sich mit Tagesanbruch auf die Vorposten, wo er, wie man sagte, in einen blauen Überrock gehüllt und mit einer polnischen Mütze bedeckt, in der Begleitung des Ingenieur-Generals Haxo, den Fluß und die Stellung des bei Kowno stehenden rußischen Corps recognoszirte, und hierauf anordnete, daß drei Brücken, ungefähr eine Stunde oberhalb dieser Stadt, geschlagen werden sollten. Die Arbeit begann jedoch erst in der Nacht, damit sie dem Feinde möglichst lang verborgen blieb. Die Armee war so nahe


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an den Fluß gerückt, als es geschehen konnte, ohne vom Feind gesehen zu werden. Um Mitternacht waren die Brücken fertig. Das 1te Armee-Corps eröffnete den Marsch, hierauf kam das 2te und dann die Cavalerie, welche bis Kowno vordrang. Die Rußen hatten sich schnell in der Richtung von Wilna zurückgezogen, ohne eine Gefecht anzunehmen. Unser Armee-Corps rückte den 24ten an den Fluß, defilirte am 25ten vor dem Kaiser über die Brücken und marschirte über Kowno bis auf Kormelo. Den 26ten gelangten wir, in der allgemeinen Bewegung gegen Wilna, bis Skoruly, den 27ten, in einem sehr anstrengenden Marsch, bis Jewe. Die Truppen waren so erschöpft, daß ihnen am 28ten ein Rasttag gegönnt wurde. An diesem Tag zog Napoleon in Wilna ein. Die Rußen hatten sich darauf beschränkt, die hölzerne Brücke über die Wilia und die Magazine, welche nicht geleert werden konnten, zu verbrennen.

Den 29ten ging das 3te Armee-Corps bei Kiergaliky auf einer Bockbrücke über die Wilia. Die bisherige heiße Witterung änderte sich plötzlich: ein heftiger Landregen


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fiel ohne Unterlaß während fünf Tagen, kühlte die Luft empfindlich ab und verdarb die schlechten Wege so, daß die Truppen nur mit großer Beschwerde marschiren konnten.*) Die würtembergische Division hatte an diesem Tage die Nachhut und erreichte erst um drei Uhr Morgens das Lager bei Suterwa. Sie war um vier Uhr Morgens abmarschirt, also 23 Stunden unterwegs gewesen. Ich war vorausgeschickt worden, um das Lager für die Brigade abzustecken, welches nahe am Ort in einem grundlosen Feld bezogen wurde, und hatte unterwegs kaum so viel Zeit gefunden, meinem Pferd ein wenig Heu geben zu lassen. Es konnte nicht fehlen, daß, der strengsten Maßregeln ungeachtet, eine große Menge Leute zurückgeblieben waren. Viele von denen, welche sich bis ins Lager schleppten, sanken vor Erschöpfung in dem grundlosen Boden um. Mehrere von ihnen starben an Entkräftung. Wir fanden in Suterwa Branntwein, welcher jedoch so stark war, daß er nur mit Wasser

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*) Faber, Blätter aus meinem Porte-feuille No 4.


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vermischt der Mannschaft abgereicht werden durfte. Hier sah ich zwei Menschen, einen polnischen Bauer und seine Frau, welche zu viel von dem starken Branntwein getrunken hatten, am Brand sterben: ein blauer Dunst drang ihnen aus dem Mund, worauf sie den Geist unter den schrecklichsten Schmerzen aufgaben. - Es war so schwer eine Unterkunft in dem Ort zu finden, daß selbst der Kronprinz mit dem ganzen Generalstab in einer Scheuer vorlieb nehmen mußte. In dieser scheußlichen Lage sollte ich die monatlichen Rapporte, welche damals das unsinnige Format von wenigstens sechs Quadratfuß hatten, abfaßen. Nach langem Suchen fand ich einen elenden Schweinestall und es gelang mir endlich, durch den von allen Seiten eindringenden Regen vielfach gestört, bei dem Schein einer dicken Kirchenkerze, die fatalen Rapporte in der Nacht zu vollenden.

Am 1ten July marschirte das Corps nach Gedrojuzany, den 2ten nach Maliaty, wo wir an einem Walde vier Tage lang lagerten. Hier wurde ein Spital für die Leichtkranken errichtet, wogegen die Schwerkranken nach Wilna gebracht


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werden mußten, von denen viele auf dem Weg dahin starben. Von den auf dem Marsch zurückgebliebenen trafen nur wenige beim Corps ein. Die würtembergische Infanterie zählte hier bereits über 700 Kranke.

Das Corps marschirte am 6ten nach Zulandsen, den 9ten nach Kotukisky, den 10ten nach Draunary, d. 11ten nach Libony, d. 12ten nach Janolany, den 13ten nach Driswirtuy und den 15ten in das Lager von Raskimosy, wo wir bis zum 19ten stehen blieben.

Die rußische Armee wurde, wie bereits gesagt, durch unser schnelles Vorrücken förmlich überrascht. Von Anfang an nur halb so stark als die französische und durch deren schnellen Vormarsch getrennt, blieb dem unschlüßigen Kaiser nichts übrig, als sich schnell zurückzuziehen, wobei das Land verheert wurde, um uns so viel als möglich der Subsistenzmittel zu berauben. Mit den Rußen hatten wir demnach vor der Hand nicht zu kämpfen, dagegen aber mit Ungemach aller Art. Die starken Märsche in schlechten Wegen, anfangs bei großer Hitze, später im


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schrecklichsten Regenwetter, erschöpften die Mannschaft, der überdies keine ordentliche Verpflegung gereicht werden konnte. Magazine waren nicht vorhanden, das Fleisch des abgetriebenen Schlachtviehs erregte Ekel, und Brod fehlte beinahe ganz. Wir folgten in großen Massen der rußischen Armee, welche zu vernichten strebte, was sie nicht mitnehmen konnte. Das wenige was übrig blieb, reichte zu unserem Unterhalt nicht aus, weshalb Requisitions-Commandos seitwärts entsendet werden mußten; da diese bei dem schnellen Vorrücken erst spät zurückkehren konnten, so waren in der Regel ein großer Theil der Truppen detachirt. Die Requisitionen erfolgten ohne systematische Anordnung von den höhern Behörden; ein Jeder nahm wo er etwas fand. Daß dabei viele Mißbräuche und Unordnungen vorkamen, auch manches mit fortgeführt wurde, was gerade nicht zum Lebensunterhalt nöthig war, läßt sich denken; ebenso daß dadurch die Disziplin der Truppen auf eine sehr fühlbare Weise leiden mußte. Diesem Übelstand ließ sich aber nicht abhelfen: leben mußten wir u. Vorsorge war keine getroffen; es blieb also nichts übrig, als in das Requisitionswesen möglicherweise


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einige Ordnung zu bringen. Wo bei den höhern Behörden Sinn und fester Wille hierzu war, da zeigten sich die Folgen des Übelstandes weniger schädlich, bei dem 3ten Armee-Corps aber, und namentlich bei uns, die wir erbärmliche, bei dem Ausmarsch aus den Schreibstuben genommene, Verpflegsbeamte hatten, denen alle Erfahrung mangelte, war solches nicht der Fall; wir erlitten daher auch nach Verhältniß mehr Verluste an Mannschaft, als andere Corps. Die Offiziere lebten, vom General abwärts, von der Industrie des Soldaten, es konnte daher auch nicht ausbleiben, daß bei Excessen oft durch die Finger gesehen wurde. Von den requirirten Lebensmitteln erhielten natürlich die höhern Offiziere das beste, und doch glaubte Mancher, daß ihm sein gebührender Antheil vorenthalten werde. Solches war der Fall bei dem General von Hügel, der in diesem Wahne seinen Unmuth auf andere Weise an mir auszulassen suchte. Er beschuldigte mich nemlich im Lager bei Maliaty einer Dienstnachläßigkeit, und verhängte, ohne weitere Untersuchung Arrest über mich – den einzigen während meiner Dienstzeit. – Mein Oberst, trostlos seinen Adjutanten nicht gebrauchen zu


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können, bemerkte dem General, daß der Fehler bei dem 2ten Bataillon gemacht worden sey, worauf auch über Wildermuth Arrest verfügt wurde, obschon derselbe ebenfalls nicht schuldig war. Die Adjutanten konnte man aber nicht entbehren, denn jeden Augenblick gab es Geschäfte, auch fiel es nicht schwer unsere Unschuld zu beweisen, weshalb wir nach einer halben Stunde frei gelassen wurden.

Die Folgen der Strapatzen und Entbehrungen aller Art, gleich wie der Einfluß des ungewohnten Climas, zeigten sich auf eine höchst beunruhigende Weise. In der ganzen Armee riß eine Krankheit ein, deren gewöhnliche Form ein mit großer Erschöpfung verbundenes Abweichen und Nervenfieber war. Viele Leute starben auf dem Marsch und in den Bivouacs. Von Raskimosy mußten wieder 500 Kranke nach Wilna gesendet werden. Auch der Kronprinz blieb von dieser verderblichen Seuche nicht verschont; schwer erkrankt übergab er dem Generallieutenant von Scheler das Commando, in der Hoffnung dasselbe bald wieder übernehmen zu können; immer langwieriger wurde jedoch seine Krankheit, so daß er nach Wilna


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gebracht werden mußte. Nicht früher als Ende September konnte er die Rückreise ins Vaterland antreten, um dort seiner völligen Genesung entgegen zu sehen.

Die rußische Armee hatte bei ihrem schnellen Rückzug keine Nachzügler, sie ließ nicht einmal Kranke zurück; unsere Infanterie war dagegen, ohne einen Schuß gethan zu haben, durch Tod und Kranke, auf zwei Drittheile ihres Standes zusammengeschmolzen. Die Cavalerie und Artillerie hatten viel weniger gelitten, doch war man bei der reitenden Artillerie genöthigt gewesen, gestürzte Zugpferde durch Reitpferde zu ersetzen.

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Anmerkungen der Artikel Redaktion im GenWiki:

  1. Diesen Aufruf gab Napoleon als Tagesbefehl 22. Juni 1812 von Wilkowiszki aus aus. (E. Labaume: Ausführliche Erzählung von dem Feldzuge in Russland im Jahr 1812, Leipzig 1812, S. 19.)