Tage-Buch von 1812/Abschnitt IV

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Abschnitt IV.
Stellung der beiderseitigen Armeen nach der Vereinigung Bagrations mit Barklay. Angriff der Rußen. Vorrücken der Franzosen. Schlacht von Smolensk.
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Im vorigen Abschnitt ist bereits erwähnt worden, daß sich Bagration am 4ten August mit Barklay bei Smolensk vereinigt hatte. Die rußische Armee wurde dadurch 120000 Mann stark.

Die unter Davoust gegen Bagration entsendet gewesenen Truppen trafen bei der Hauptarmee ein und bezogen Cantonirungen auf dem linken Dnieperufer. Dombrowsky allein blieb mit seiner Division zur Beobachtung der Festung Bobruisk, und des Corps unter General Hertel, gleich wie zur Deckung von Minsk stehen.

Die Stärke der französischen Armee mochte sich auf 185,000 Mann belaufen. Ihre Stellung war so ausgedehnt,


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daß sich von einem unerwarteten Angriff Vortheil hoffen ließ; Barklay faßte daher den Entschluß in der Richtung von Rudnia vorzudringen. Platow überfiel am 8ten August mit der rußischen Avantgarde die Division Sebastiani bei Jukowo, und zwang sie, sich mit einem Verlust von 500 Mann zurückzuziehen. Das würtembergische Jäger Regiment Herzog Louis machte bei dieser Gelegenheit einige glänzende Angriffe auf die viermal stärkere rußische Cavalerie, wobei der Oberst Graf Waldburg stürzte und mit seinem Adjutant, dem jetzigen Oberst von Batz, gefangen wurde. Die zwei würtembergischen Chevauxlegersregimenter nahmen die Division Sebastiani auf und deckten ihren Rückzug.

Sobald Napoleon von dem Gefecht bei Jukowo Nachricht erhielt, befahl er, daß Mürat und Ney den Feind aufhalten sollten, während die Armee gegen Rudnia aufbrechen mußte. Barklay schien über den Erfolg seiner Unternehmung zweifelhaft zu werden und hielt mitten in der Bewegung inne, wodurch der Kaiser veranlaßt wurde, die Armee bei den Dörfern Rasasna und Khomino auf das linke Ufer des


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Dniepers übergehen zu lassen, in der Absicht, vereinigt mit Davoust, gegen Smolensk vorzurücken, sich dieses Platzes zu bemächtigen und dadurch die rußische Armee von der Straße von Moskau und den südlichen fruchtbaren Provinzen des Reiches abzuschneiden. Die Division Sebastiani allein blieb zur Beobachtung des Feindes auf dem rechten Ufer des Flußes zurück, mit dem weitern Auftrag, in gleicher Höhe mit unserer Avantgarde vorzurücken.

In Folge dieser Anordnungen verließen wir am 11ten das Lager bei Liozna und marschirten über Liubowiczy nach Khomino, wo wir am 14ten in der Früh den Fluß überschritten, mit dem Befehl, der Cavalerie unter Mürat auf der Straße nach Smolensk zu folgen. Bei dem altpolnischen Grenzstädtchen Liady stieß die Avantgarde auf Kosaken, welche sich nach Krasnoi zurückzogen. Dieses Städtchen war von der rußischen Division Newerofskoi, 6000 Mann Infanterie, 1200 Cavalerie und acht Kanonen stark, besetzt. Während die Division Ledrü von unserem Corps den Feind aus dem Ort und einer hinter demselben befindlichen günstigen Stellung vertrieb,


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umging ihn Mürat mit der Cavalerie rechts. Die Rußen kamen in dem ganz offenen Terrain in eine höchst kritische Lage, und kaum schien es für sie möglich zu seyn, sich vor der zahlreichen Reiterei zu retten. Ihre Cavalerie wurde geworfen und die Artillerie genommen; die Infanterie formirte ein Kolonnenkarre und zog sich längs der Straße zurück, durch eine Birkenallee etwas geschützt. Hätte Mürat den dringenden Vorstellungen des Marschalls Ney Gehör gegeben, den Feind mit seiner zahlreichen Reiterei umringen und seine Artillerie auf ihn wirken lassen, so würde sich derselbe unfehlbar haben ergeben müßen. Statt dessen hetzte er seine Reiterei Schwadronenweise auf die rußische Kolonne und verhinderte dadurch die Artillerie zu feuern. Die Rußen schlugen mit großer Entschlossenheit diese vereinzelten Angriffe zurück und erreichten, nachdem sie 1500 Mann verloren hatten, das Defile von Korytnia, wo die Verfolgung aufhörte. Der Kaiser eilte, auf die Kunde von dem Gefecht, nach Krasnoi, kam aber zu spät, um die fehlerhafte Anordnung Mürats verbessern zu können. Wir mußten unsern Marsch sehr beschleunigen, das Gefecht war aber zu Ende als wir


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auf dem Schlachtfeld ankamen, und wir sahen nur noch wie der Kaiser, an einem großen Feuer stehend, die eroberten Kanonen an sich vorüber fahren ließ.

Wir bivouakirten hier und marschirten am 15ten bis Lubnia. Den 16ten Vormittags erreichten wir die Höhen von Smolensk.

Barklay hatte wahrscheinlich vermuthet, Napoleon werde ihn direct angreifen; jedenfalls mußte er spät Nachricht von dem Übergang der französischen Armee über den Dnieper und ihrem Vorrücken erhalten haben, denn erst am 15ten, nachdem er seine Armee mehrere Tage lang unnöthig hatte hin und her marschiren lassen, erhielt Bagration den Befehl, nach Smolensk zurück zu eilen, indem dieser Ort allein durch die Division Newerofskoi gedeckt war. Er kam kurz vor uns an, und es entspann sich nun in dem durchschnittenen Terrain vor den Mauern und Verschanzungen der Stadt ein heftiges, bis in die Nacht dauerndes Plänklergefecht, an welchem hauptsächlich das Jäger-Bataillon König Theil nahm, und dabei nicht unbedeutenden Verlust, hauptsächlich an Offizieren erlitt. Napoleon beschleunigte den


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Marsch seiner Armee, so daß am 17ten Morgens der auf dem linken Ufer des Flußes gelegene Theil der Stadt eingeschlossen war. Barklay traf am 16ten Abends mit dem Rest seiner Armee auf den Höhen des rechten Ufers ein, nachdem er zur Beobachtung der Gegend zwischen der Düna und dem Dnieper, nur ein kleines Cavalerie-Corps unter dem General von Wintzingerode hatte stehen lassen. – Er schien allerdings zu fürchten, durch das Manoeuver der Franzosen von der Straße nach Moskau und den südlichen Provinzen des Reiches abgeschnitten zu werden, denn er ließ den General Bagration, welcher in Smolensk durch den General Doctorof abgelöst wurde, in der Nacht vom 16ten auf den 17ten mit der ganzen zweiten Armee in der Richtung von Dorogobusch zurückmarschiren. Napoleon hoffte die Rußen würden ihm eine Schlacht anbieten, und verzögerte deshalb seinen Angriff bis Nachmittags zwei Uhr, um welche Zeit er den Befehl ertheilte, die Stadt von allen Seiten anzugreifen.

Smolensk hatte nur 12000 Einwohner, war aber wegen


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seinen geschichtlichen Erinnerungen von Wichtigkeit. In den frühern Kämpfen zwischen Rußland und Polen wurde es als der Schlüßel zum Innern Rußlands und als die Vormauer Moskaus betrachtet, und von den Rußen die heilige Stadt genannt. Dieselbe ist auf beiden Seiten des Dniepers an den Abhängen von Hügeln erbaut, welche ein ziemlich enges Thal bilden. Der ältere, auf dem linken Ufer gelegene, Theil wurde durch den Czar Boris Godunow auf tatarische Weise befestigt. Eine 25 Fuß hohe sehr dicke, mit fünf eingeschnittenen Creneaux versehene, weiß übertünchte Mauer, durch 29 Thürme vertheidigt, umgab diesen Theil der Stadt. Auf der westlichen Seite, auf dem höchsten Punkt, lag eine kleine Citadelle und das Ganze war mit einem schlecht unterhaltenen Graben und bedeckten Weg umfaßt. Von den drei Thoren befanden sich zwei auf der Landseite und das dritte führte nach dem Fluß, zwischen welchem und der Stadtmauer ein breiter Quai hinlief. Vor dem Hauptthore Malakhofskia lag eine große Vorstadt, in welcher sich die von Krasnoi


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und den südlichen Provinzen kommenden Straßen vereinigten. Oberhalb und unterhalb der Stadt lagen zwei kleinere Vorstädte: Raczenka und Krasnoi, welch letztere nur eine parallel mit dem Fluß laufende Straße hatte. Bevor man an die Ringmauer der Stadt gelangte, mußte man einen Bach überschreiten, der, in einem tiefen Thale herabfließend, die Vorstadt senkrecht durchschnitt, welche sich bis an den Quai erstreckte. Die Verbindung mit dem rechten Ufer wurde durch eine hölzerne Brücke erhalten. Ein Kronenwerk ohne Mauerbekleidung diente derselben als Brückenkopf, konnte aber von den nahe gelegenen Anhöhen eingesehen werden. Im Innern dieses Werkes befanden sich etwa sechzig Häuser. Eine große Vorstadt, theils in Straßen gereiht, theils aus zerstreut liegenden mit Gärten umgebenen Häusern bestehend, lag rings um das Werk herum, erstreckte sich an dem ganzen Abhang der Höhe hinauf und gewährte, vom linken Ufer aus gesehen, einen sehr malerischen Anblick.

Das 3te Armee-Corps stand auf dem linken Flügel der Armee und unsre Division lehnte sich an den Dnieper.


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Von unserer Stellung aus erblickte man nichts als die Kuppeln der Kathedrale der Altstadt, einen Theil des Flußes, und die auf seinem rechten Ufer sich erhebenden Hügel. Am 17ten Vormittags wurde ein vorwärts liegendes Hospitalgebäude besetzt und eine Recognoscirung der Vorstadt Krasnoi unternommen, welche man stark besetzt fand. Der allgemeine Angriff begann um zwei Uhr Nachmittags. Die leichte Brigade rückte gegen ein rechts von der Vorstadt befindliches Gebüsch an, mußte aber einer bedeutenden Übermacht weichen, worauf die Brigade Hügel den Befehl erhielt, die Vorstadt mit Sturm zu nehmen. Wir rückten in geschlossener Colonne von der Anhöhe herab, und wurden, in der Ebne angekommen, von einem tüchtigen Feuer aus einer, in unserer linken Flanke auf dem rechten Ufer des Flußes aufgefahrenen, feindlichen Batterie empfangen, was den General von Hügel veranlaßte, vorwärts Abstand nehmen zu lassen. Der Angriff wurde mit großer Unerschrockenheit ausgeführt, und wir sahen uns bald im Besitz einer großen Kirche, die uns einigen Schutz vor


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dem Artilleriefeuer gewährte und als Stützpunkt bei dem weitern Angriff auf die Vorstadt diente. Wir drangen bis an den oben erwähnten Bach vor, mußten aber, von dem bedeutend verstärkten Feind rasch verfolgt, wieder bis an die Kirche zurückweichen. Auf dieser Strecke erhielt sich nun das Gefecht den ganzen Nachmittag hindurch mit abwechselndem Erfolg. Einmal sogar waren wir genöthigt, aus Mangel an Munition, die Stellung hinter der Kirche zu verlassen, nahmen sie jedoch schnell wieder. Gegen zehn Uhr Abends endigte das Gefecht. Wir hatten den Bach zwar besetzt, der Feind stand aber jenseits so nahe, daß auf der Straße die beiderseitigen Schildwachen nur durch ein brennendes Haus getrennt waren und die Patrouillen öfters auf einander stießen.

Ich hatte die Vorposten ausgestellt und war im Begriff zum Regiment zurückzureiten, als der General von Scheler und später auch Graf Marchand eintrafen, um unsere Stellung zu besichtigen, so daß ich erst um 11 Uhr zur Ruhe gelangte.


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Der Feind war auf der ganzen Linie in die Stadt zurückgedrängt worden; Barklay hatte aber seinen Zweck: der Armee Bagrations einen ungehinderten Rückzug zu sichern, erreicht, und ließ nun in der Nacht die Stadt räumen und die Besatzung auf das rechte Ufer des Flußes zurückziehen. Nach Mitternacht stiegen große Feuersäulen in der Stadt auf, deren Ursache wir nicht kannten, am andern Tag wurden wir aber inne, daß sie den Abzug der Rußen bezeichnet hatten, welche von dort an einen jeden Ort den sie verlaßen mußten, in Brand steckten, richtig voraussehend, daß dieses Verwüstungssystem mit zu unserm Untergang beitragen mußte.

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Bei meinem Eintreffen im Biwouak, welchen mein Regiment bei der großen Kirche bezogen hatte, traf ich meinen Freund Ruedt, der Oberlieutenant bei den Grenadieren war. Ich nahm Platz an seinem Feuer und das Gespräch fiel natürlich auf die Begebenheiten des Tages. Sein Vormann war geblieben und ich äußerte, daß ihm


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dieser zur rechten Zeit Platz gemacht habe und daß ihm jetzt der Hauptmann nicht fehlen könne, worauf er erwiederte: heute ihm, morgen vielleicht mir, was leider nur zu wahr wurde. – Die Grenadiere hatten sich, unter der Anführung ihres braven Hauptmanns von Herwig, an diesem Tage ganz besonders ausgezeichnet, was den General von Hügel, während das Gefecht in den Gärten am heftigsten war, veranlaßte, mich zu dem Hauptmann zu schicken, um ihm zu sagen, daß er mit seinem Benehmen sehr zufrieden sey und solches dem König[GWR 1] melden werde. Der Auftrag war nicht sehr angenehm, indem ich, während die Grenadiere sich in dem durchschnittenen Terrain decken konnten, zu Pferd und ganz frei, den auf 50 - 60 Schritt entfernten Rußen zur Zielscheibe diente. Ich säumte daher auch nicht länger, als gerade nöthig war, das Pferd umzudrehen und zurück zu reiten, da fing das überhaupt etwas widerspänstige Thier an zu bocken, und ich konnte in der That von Glück sagen, daß ich endlich mit heiler Haut davon kam. Dem General habe ich in späterer Zeit öfters im Scherz den


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Vorwurf gemacht, mich dem Verderben haben weihen zu wollen, obgleich ich der einzige Adjutant in der Brigade war. –

Die Rußen hatten ihre schwer Verwundeten nicht alle mit fortnehmen können, und auch wir waren außer Stand uns ihrer anzunehmen, indem das ärztliche Personal mit unsern Verwundeten voll auf zu thun hatte. Die ganze Nacht hörten wir ihr Wimmern und Stöhnen und erst gegen Morgen konnten wir aus der eingetretenen Stille schließen, daß die Ärmsten ausgelitten hatten. – Obgleich ziemlich abgestumpft durch das vielfältige Elend, dessen Zeuge ich seit sieben Wochen gewesen war, blieb mir diese Nacht doch lange im Gedächtniß. –

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Mit dem ersten Schein der Morgenröthe traten wir unter die Waffen, überschritten den Bach und rückten ungehindert bis an den Quai vor, bis wohin uns die Häuser der Vorstadt die Aussicht auf den Fluß verbargen. Hier erblickten wir auf einmal vor uns die brennende Brücke und links die auf dem jenseitigen Ufer liegende Vorstadt. Ein


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schmales Thor führte rechts in die Altstadt. Einzelne Rußen durchwateten den ungefähr 100 Schritte breiten Fluß und entdeckten uns eine Furth. Vom Feind sahen wir keine weitere Spur. General Marchand befahl mir vorzureiten und zu sehen, ob die brennende Brücke noch zu retten sey. Ich überzeugte mich vom Gegentheil, und eilte mich, zurück zu kehren, indem ich von feindlichen in den Häusern am jenseitigen Ufer postirten Schützen, sehr lebhaft begrüßt wurde. Ihr Feuer tödtete den braven Hauptmann von Herwig, der unnöthigerweise vorgegangen war, während sich seine Compagnie noch in einer gedeckten Stellung hinter Häusern befand.

Das zweite Bataillon des Regimentes Herzog Wilhelm, von dem tapferen Oberst von Baur angeführt, erhielt den mißlichen Auftrag, durch die etwa vier Fuß tiefe Furth zu waten und den jenseitigen Stadttheil mit Sturm zu nehmen. Trotz eines heftigen Feuers aus den dem Ufer zunächst befindlichen Häusern, wurde der Brückenkopf ohne Aufenthalt genommen und der Feind bis gegen die Höhe


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zurückgetrieben; hier erhielt er aber bedeutende Verstärkung, wodurch das schwache Bataillon genöthigt wurde, sich eiligst in die Verschanzung zurück zu ziehen. Während dieses jenseits vorging, erhielt unsere Brigade Befehl, ebenfalls die Furth zu durchwaten, das Bataillon von Herzog Wilhelm aufzunehmen, und die Vorstadt zu behaupten. Nach einem sehr mörderischen Gefecht, waren auch wir genöthigt, uns auf die Vertheidigung des Brückenkopfs zu beschränken, den wir, durch zwei Compagnien Portugiesen auf das beste unterstützt, gegen die wiederholten Angriffe der immer stärker werdenden Rußen mit dem besten Erfolg behaupteten. Der übrige Theil unserer Infanterie besetzte die Vorstadt Krasnoi vom Quai abwärts bis an den Bach, und unterhielt mit dem Feind ein lebhaftes Gewehrfeuer über den Fluß; endlich wurde auch eine unserer Fußbatterien mit großer Anstrengung auf den Stadtwall gebracht, um uns in der Behauptung der jenseitigen Vorstadt zu unterstützen. Das Gefecht dauerte auf diese Weise bis gegen Mittag, da geriethen die größtentheils hölzernen und von den Rußen mit Brennmaterial


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angefüllten Häuser durch feindliche Granaden in Brand, der so schnell um sich griff, daß wir genöthigt wurden, den Brückenkopf zu verlassen, wenn wir nicht verbrennen wollten. Sechsmal hatte ich bereits die Furth durchritten mit dem Auftrag, Meldung über unsre Lage an den General von Scheler zu erstatten, wobei ich jedesmal dem heftigsten Feuer ausgesetzt war. Aus dem Brückenkopf führte nemlich ein gewölbter Thorweg nach dem ungefähr 60 Schritt weit entferten Fluß, hinter dessen hohem Ufer man eine kleine Strecke hinreiten mußte, um an die Furth zu gelangen. Die Rußen wußten, daß wir nur diesen Ausgang hatten und richteten daher dorthin vorzugsweise ihr Feuer, vor welchem man, nach Erreichung des Ufers, bis auf ungefähr die halbe Flußbreite geschützt war, von wo an die Gefahr von neuem begann, und nicht minder groß war, weil man im Wasser nicht schnell reiten konnte. Ich erhielt den Auftrag zum siebentenmal hinüber zu reiten, um zu melden, daß wir genöthigt wären, des Feuers wegen, den Brückenkopf zu verlassen, und brachte die Antwort zurück, daß wir uns in diesem


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Fall außerhalb der Verschanzung halten müßten. Die Schwierigkeit war nun diese zu verlassen, indem wir nur den einzigen Ausgang hatten, auf den die Rußen ein conzentrirtes Feuer richteten. Wir zogen die Leute von den Wällen zurück, sammelten sie unter dem Thorweg und in der dahin führenden Straße und eilten nun heraus, um in den Gärten, welche zwischen dem hohen Ufer und einer etwa 150 Schritte weit entfernten Häuserreihe lagen , das Gefecht fortzusetzen, wurden jedoch genöthigt bis hinter das Ufer zurückzugehen, wo ein höchst kritischer Moment eintrat, indem uns die Wahl blieb, ins Wasser zu springen, uns gefangen zu geben, oder die Rußen von neuem anzugreifen. Wir wählten das letztere; ich bat den General von Hügel mir das Commando einer Compagnie zu geben, deren Offiziere alle todt oder verwundet waren, und befahl einem Tambour Sturmmarsch zu schlagen, was unsere Leute electrisirte. In einem Augenblick hatten wir das Ufer erstiegen, von dem die Rußen nur noch wenige Schritte entfernt waren. Durch unsern unerwarteten Angriff überrascht, wichen


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sie bis an die Häuser zurück, die theilweise schon zu brennen anfingen. Was noch nicht brannte zündeten wir schnell an und bildeten auf diese Weise eine große Feuerwand zwischen uns und den Rußen, so daß das Gefecht auf diesem Punkt ein Ende nehmen mußte. Abwärts des Flußes dauerte es jedoch noch bis in die Nacht fort. *)

In dem Augenblick als unsere Leute den Wall verließen, fiel mein Freund Rüdt, von einer Kugel in den Kopf getroffen, todt nieder. Nachdem alles abgebrannt und es möglich war, die Verschanzung wieder zu betreten, erfüllten wir die traurige Pflicht, ihm auf der Stelle, wo er geblieben war, eine bescheidene Ruhestätte anzuweisen. –

Einen widrigen Anblick gewährten die durch das Feuer halb oder ganz gerösteten todten Menschen, was jedoch noch nichts im Vergleich mit den gräßlichen Bildern war, welche sich später unsern Blicken zeigen sollten. –

Gegen Abend wurden wir durch Franzosen abgelöst und

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*) Fabers Blätter No 36, 37 und 38.


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mußten durch die Furth auf das linke Ufer zurückkehren, wo man uns zum Überfluß, durch ein Mißverständniß, ein paar Stunden in der Irre herum führte, dem Feuer der rußischen Jäger aussetzte und dann in der Vorstadt Krasnoi biwouakiren ließ. Meinem Oberst, der an diesen beiden Tagen eine sehr untergeordnete Rolle gespielt hatte, wurde auf diesem Irrgang ein Pferd verwundet, worüber er sich wahrhaft lächerlich geberdete.

Unser Verlust in diesen beiden Tagen war groß gewesen. Das Regiment verlor von 500 Mann, welche in das Gefecht rückten, die Hälfte an Toden und Verwundeten. Zwei Hauptleute und ein Lieutenant blieben auf dem Platz; ein Major, ein Hauptmann und vier Lieutenants waren verwundet, von denen drei in Folge davon starben.

Der Brand des Stadttheiles auf dem rechten Ufer breitete sich immer mehr aus und dauerte die ganze Nacht. Es war ein gräßlich schöner Anblick[GWR 2], von übeler Vorbedeutung für die nächste Zukunft, denn wir litten jetzt schon


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Mangel an den nöthigsten Lebensbedürfnissen, und es unterlag keinem Zweifel, daß die Rußen ein Zerstörungssystem angenommen hatten, welches uns in eine sehr fatale Lage versetzen mußte.

In der Nacht wurden zwei Brücken über den Dnieper geschlagen, auf denen wir am 19ten Morgens vier Uhr übergingen, mit der Weisung, den Rußen auf der Petersburger Straße zu folgen, welche uns den Berg hinauf über die noch rauchenden Trümmer der schönen Stadt führte. Ungefähr eine Stunde weit mochten wir in dieser Richtung marschirt seyn, als wir Befehl erhielten, den Rußen auf der Straße nach Moskau zu folgen. Wir stießen bald auf eine Arriere-Garde, welche hinter einem Bach mit waldbewachsenen Ufern Stellung genommen hatte, den linken Flügel an den Dnieper gelehnt. Vor der Mitte und vor dem rechten Flügel lagen zwei Dörfer. Eines derselben ließ der König von Neapel, nicht von der Infanterie, sondern von unserem Leibchevauxlegers Regiment angreifen, was denn auch zur Folge hatte, daß der größte Theil der Offiziere


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von den rußischen Jägern getödtet oder verwundet wurden. Der König von Neapel verdiente vollkommen den Ruf eines tapfern Soldaten, seine Tollkühnheit verleitete ihn aber oft zu einer ganz fehlerhaften Verwendung der Reiterei, was nicht wenig auf ihre frühzeitige Auflösung wirkte.

Die rußische Arriere-Garde verließ ihre vortheilhafte Stellung, aus Furcht von der großen Straße aus umgangen zu werden, und zog sich auf ein ihr zu Hülfe geschicktes, hinter der Kolodnia, auf den Höhen zwischen Toporowtschina und Latichino aufgestelltes Corps*) zurück, welches den Befehl erhielt, sich auf das äußerste zu vertheidigen, damit die, sich in zwei Colonnen zurückziehende, rußische Armee Zeit gewinnen möchte, die große Straße nach Moskau zu erreichen,

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*) Die Beschreibung der Stellungen der rußischen Corps und die Namen der Ortschaften und Flüßchen, sind dem Werke des rußischen Oberst Boutourlin entlehnt, welchem ohne Zweifel in dieser Beziehung bessere Hülfsquellen zu Gebot gestanden sind, als den französischen und deutschen Autoren.


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wozu sie durch den von ihr eingeschlagenen Umweg und bei der schlechten Beschaffenheit der Wege, den ganzen Tag und einen Theil der Nacht nöthig hatte. Die Division Razout, welche auf der großen Straße vorrückte, während wir links derselben marschirten, zwang dieses Corps, sich hinter das kleine Flüßchen Stragan zurückzuziehen, welches in einem rechten Winkel der Kolodnia zufließt.

Während diesen Gefechten zunächst der großen Straße, war auf unserm linken Flügel das Dorf Gorbounowa, durch welches die Rückzugslinie einer der rußischen Colonnen führte, genommen und dadurch der Rest dieser Colonne abgeschnitten worden, was den General Barklay veranlaßte, einen Theil seiner Truppen, unter den Befehlen des Herzogs Eugen von Würtemberg, umkehren und das Dorf wieder nehmen zu lassen. Die Rußen verließen dasselbe erst nachdem die ganze Colonne defilirt hatte.

Mittlerweile war der Rest des 3ten Armee-Corps rechts über Valutina-Gora – nach welchem Ort die Franzosen dieses Gefecht benannt haben – der Division Razout gefolgt, und


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es war auch die Division Güdin des 1ten Armee-Corps zur Verstärkung gesendet worden. Der Marschall Ney befahl daß diese und die Division Razout, unter Mitwirkung der sämtlichen Artillerie, die Stellung der Rußen auf der großen Straße stürmen sollten. Mehrere mit großer Tapferkeit ausgeführte Angriffe, bei welchen der ausgezeichnete General Güdin blieb, wurden von den Rußen mit eben so großer Standhaftigkeit abgewiesen. Nachdem um sieben Uhr das ganze 1te Armee-Corps angekommen war, erhielten auch wir Befehl vorzurücken und, vereint mit der Division Güdin, den Angriff auf die Stellung der Rußen zu erneuern, während sich die Division Ledrü zu dem gleichen Zweck der Division Razout anschloß. Es gelang zwar der Division Güdin das Flüßchen zu überschreiten und die Rußen für kurze Zeit zurückzudrängen, sie erhielten jedoch Verstärkung und stellten das Gefecht wieder her, welches um zehn Uhr mit dem freiwilligen Rückzug der Rußen endigte, nachdem ihre ganze Armee die Moskauer Straße erreicht hatte und somit der Zweck der Vertheidigung der Stellung erlangt war.


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Aus dem Gefecht einer Arriere-Garde war eine förmliche Schlacht geworden, welche weniger Menschen gekostet und zu einem entschiedenen Sieg über die Rußen geführt haben würde, wenn der General Jünot mit den Westphalen, die bei Proudichewo den Dnieper überschritten hatten, und sich, beim Beginn des Kampfes, bereits in der linken Flanke der rußischen Stellung befanden, zum Angriff vorgerückt wäre. Mürat forderte ihn auf das dringendste auf anzugreifen, er schützte aber vor keinen Befehl hierzu zu haben. – Wäre der Kaiser, der an eine Schlacht nicht mehr gedacht haben mochte und nach Smolensk zurückgekehrt war, da gewesen, so hätte die Schlacht wahrscheinlich einen ganz andern Ausgang genommen.

Die würtembergische Division war, mit Ausnahme der Brigade Stockmayer, nur im Kanonenfeuer gestanden und hatte wenig gelitten, desto mehr war dieses aber bei den Franzosen der Fall. Der Verlust der französischen Armee, in den vier Tagen vom 16ten bis 19ten August, wird auf 19000 Mann berechnet.*) Die Rußen gaben den ihrigen


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nur auf 6000 Mann am 17ten und auf 5000 Mann am 19ten an,*) er mag aber nicht viel weniger als der französische betragen haben.**) Der Vortheil, den wir errungen hatten, stand in keinem Verhältniß mit unserem Verlust, denn die Rußen zogen sich zurück, was sie ohnedies gethan haben würden, und Smolensk war zum großen Theil ein Schutthaufen und gewährte nicht einmal hinlänglich Unterkunft für die große Zahl der Verwundeten, deren viele nach Krasnoi zurückgebracht werden mußten.

Unsere Leute hatten sich mit großer Tapferkeit geschlagen und Entbehrungen aller Art auf eine bewunderungswerthe Weise ertragen. Während der vier Schlachttage lebten wir eigentlich von nichts anderem, als was wir in den Trümmern und Schutthaufen der Stadt fanden. Mit Tagesanbruch begann das Gefecht und dauerte bis in die Nacht, hierauf mußten die Waffen hergestellt werden und dann erst konnte daran gedacht werden, das wenige was man gefunden hatte zu genießen,


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und ein paar Stunden zu ruhen.

Es bestand der Befehl, nach jedem Gefecht summarische Ausweise über den Verlust an Toden, Verwundeten, Gefangenen und Vermißten anzufertigen, welche gesammelt und direct an den Kaiser eingegeben wurden. Am 17ten und 18ten war es mir nicht möglich, diesem Befehl nachzukommen, weil das Gefecht bis in die Nacht hinein dauerte, und bei manchen Compagnien Niemand mehr war, der Auskunft geben konnte. Am 19ten suchte ich daher auf dem Marsch die nöthigen Notizen aufzunehmen und schrieb in der Stellung bei Valutina-Gora auf meinem Hut den Rapport, während die Kanonenkugeln rechts und links einschlugen.

Die Nacht vom 19ten auf den 20ten brachten wir auf dem Schlachtfeld zu, mitten unter Toden und Verwundeten, und marschirten am 20ten eine Stunde weit vorwärts, um neben der Straße ein Lager zu beziehen.

Der Entschluß des Kaisers, die ganze Armee auf das linke Ufer des Dniepers übergehen zu lassen und Smolensk von dieser Seite anzugreifen, ist von sehr gewichtigen


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militairischen Schriftstellern*) als ein unbegreiflicher Mißgriff geschildert worden, während andere denselben zu einer der schönsten strategischen Combinationen erheben.**) Es kann nicht die Absicht seyn, über diese Meinungsverschiedenheit ein Urtheil zu fällen; es scheint aber, daß es einfacher gewesen wäre, die rußische Armee nach dem Gefecht von Inkowo anzugreifen und ihr die angebotene Schlacht zu liefern, nach welcher ja Napoleon, seit der Überschreitung des Niemens, vergeblich gestrebt hatte. Sein überlegenes Feldherrntalent und die bedeutende Übermacht setzen es außer Zweifel, daß er die Schlacht gewonnen und vielleicht über das Schicksal des ganzen Feldzuges entschieden haben würde. Jedenfalls wäre Smolensk nicht als Schutthaufen in seine Gewalt gekommen, was bei den Entbehrungen aller Art, die wir erdulden mußten, ein doppelt fühlbarer Verlust war. Die Rußen standen näher an Smolensk, als wir, es war deshalb im hohen

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*) Chambray, 1ter Theil, S. 191, Clausewitz, 7ter Band, S. 123
**) Boutourlin, 1ter Theil, S. 252


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Grade unwahrscheinlich, daß wir durch den Marsch auf dem linken Ufer, einen so großen Vorsprung erreichen würden, um diesen Platz vor ihnen zu besetzen und sie von ihrer Rückzugslinie nach Moskau abzuschneiden. Auch wird dem Kaiser der Vorwurf gemacht, Smolensk mit stürmender Hand genommen und nicht ein beträchtliches Corps oberhalb über den Dnieper geschickt zu haben, um die Moskauer Straße zu besetzen, wodurch Barklay sicherlich würde veranlaßt worden seyn, sich schnell zurückzuziehen und Smolensk ohne Schwertstreich zu überliefern, dessen Eroberung einen sehr fühlbaren Verlust von 20000 alten Soldaten herbeiführte. Die Rußen hatten zwar auch viel verloren, sie marschirten aber ihren Verstärkungen entgegen, während Hunger und Strapatzen die Reihen der französischen Armee täglich mehr lichteten. –

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Anmerkungen der Artikel Redaktion im GenWiki:

  1. Friedrich (I.) Wilhelm Karl, König von Württemberg
  2. Labaume gibt die Erzählungen eines Freundes wider (S. 89f.): „Sie können sich, sagte dieser Offizier, keine Vorstellung von der schrecklichen Verheerung machen, welche das Innere von Smolensk darbot. Mein Tritt in diese Stadt macht in meinem Leben einen wichtigen Zeitpunkt aus. Stellen Sie sich alle Straßen, alle Plätze mit todten oder sterbenden Russen angefüllt, und die Flammen vor, welche in weiter Ferne dies schreckliche Gemälde beleuchten!“