Tage-Buch von 1812/Abschnitt IX

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Abschnitt IX.
Zustand der Armee bei ihrem Eintreffen in Smolensk. Nothwendigkeit den Rückzug fortzusetzen. Stärke und Marsch der rußischen Armee. Gefechte bei Krasnoy. Rückzug nach Orsza. Merkwürdiger Rückzug des Marschalls Ney über den Dnieper nach Orsza. Zustand der französischen Armee bei ihrem Eintreffen in Orsza. Meine Verhältnisse in diesem Zeitraum.
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Von den 104,000 Mann, die von Moskau ausmarschirt waren, hatten 70,000. Smolensk erreicht und von diesen war kaum die Hälfte noch kampffähig, die andere Hälfte bestand aus elenden, aller Vertheidigung unfähigen Geschöpfen; 400. Kanonen waren auf dem Wege nach Smolensk verloren gegangen und von der ganzen Cavalerie waren ungefähr noch 5000. Mann schlecht beritten. –

Die Württembergische Artillerie brachte noch 11. Kanonen


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nach Smolensk, von denen jedoch 8. dort zurückgelassen werden mußten. Die Reiterei war gänzlich aufgelöst und die 1500. Mann Infanterie waren zwischen Moskau und Smolensk auf 700. zusammengeschmolzen. Wir trafen hier einige reconvalescirte Offiziere und Soldaten, gleich wie die Grenadier-Compagnie des Regimentes Kronprinz, welche, nach der Abreise dieses Prinzen von Wilna, der Armee entgegen marschirt war.

In Smolensk fand Napoleon noch einige Tausend Mann ausgeruhter Truppen, was war aber das gegen die ungeheuern Verluste aller Art, welche die Armee erlitten hatte!? Der Kaiser mußte daher seinen anfänglichen Plan: die Armee zwischen dem Dnieper und der Düna in Cantonierungen zu verlegen, um so mehr aufgeben und an die schleunige Fortsetzung des Rückzuges denken, als die Armee Kutusow's bedeutend überlegen war, ihm bereits auf gleicher Höhe zur Seite stand und auch im Rücken der Armee der Plan des rußischen Kaisers: uns den Rückzug über die Berezina und Ula zu sperren,


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seiner Verwirklichung immer näher rückte.

In die Vertheilung der bedeutenden in Smolensk vorgefundenen, Vorräthe wurde keine Ordnung gebracht. Nur die stets bevorzugten Garden, welche am 9.ten mit dem Kaiser daselbst eingetroffen waren, erhielten regelmäßige Austheilungen, wogegen die immer größer werdende Anzahl der ankommenden vereinzelten Soldaten vor den Magazinen vergebens auf Austheilungen von Lebensmitteln wartete und am Ende, von Wuth ergriffen, die Magazine stürmte, was den Kaiser zu dem bereits früher erwähnten Befehle veranlaßte, keine einzelnen Militairs mehr in die Stadt zu lassen.

Wir fanden, durch die Fürsorge unseres Königs, Schuhe, Reis und Geld, eine Hülfe, deren sich wahrscheinlich Wenige zu erfreuen hatten.

Am 13.ten begann eine Division der Garde und des 8.ten Armee-Corps den Rückzug. Am 14.ten folgte der Kaiser mit dem Rest der Garden. Auch das württembergische Hauptquartier sezte sich an diesem Tage mit dem 1.ten und


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2.ten provisorischen Bataillon in Marsch, wogegen das 3.te bei dem Marschall Ney blieb. Allen nicht eingetheilten Offizieren wurde es überlassen für ihr Fortkommen nach Minsk, welche Stadt zum Sammelplatz bestimmt war, selbst Sorge zu tragen. Am 15.ten sollte Eugen abmarschiren und am 16.ten und 17.ten sollten Davoust und Ney folgen, welch Lezterem die Reste des 5.ten Armee-Corps untergeordnet wurden. Die Kälte, welche am 13.ten auf 18. Grade gestiegen war, ließ am 14.ten glücklicherweise nach, doch blieb sie immer noch sehr empfindlich.

Während sich die französische Armee in Marsch sezte, verfolgte Kutusow den seinigen langsam gegen Krasnoy. Die rußische Armee war 90,000. Mann stark, hatte 500. gut bespannte Geschütze und eine zahlreiche gut berittene Cavalerie.*)[1]


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Am 14.ten bemächtigte sich der Parteigänger Garowsky des Städtchens Krasnoy, welches nur schwach besezt war, zog sich aber bei Annäherung der am 13.ten von Smolensk abmarschirten Garde Division zurück. Napoleon wurde auf dem Marsch von dem Feinde zwar stark beunruhigt, aber nicht aufgehalten. Er traf am 15.ten Abends in Krasnoy ein und ließ in der Nacht den unfern stehenden Garowsky durch eine Division der jungen Garde angreifen und mit Verlust zurückwerfen.

Die Reste der württembergischen Division hatten am 14.ten bey Korytnia gelagert und erreichten erst am 15.ten in der Nacht Krasnoy, nachdem sie auf ihrem Marsch durch Kosaken beunruhigt worden waren und viel durch Artillerie-Feuer gelitten hatten.*)[2] Der Rest der Artillerie mußte an dem lezten Defilee vor Krasnoy zurückgelassen werden.


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Am 16.ten schien endlich Kutusow aus seiner unbegreiflichen Unthätigkeit erwachen zu wollen, indem er sich mit seiner ganzen Armee vor Krasnoy zeigte. Napoleon fühlte wohl das Kritische seiner Lage und die Nothwendigkeit sich so schnell als möglich zurückzuziehen. In diesem Falle wären aber die Corps von Eugen, Davoust und Ney verloren gewesen; er beschloß daher, einestheils auf die Unentschlossenheit und Furchtsamkeit seines Gegners rechnend, anderntheils auf sein Glück vertrauend, das Städtchen nur gezwungen zu verlassen und mit seiner Garde dem fünfmal stärkern Feinde die Stirne zu bieten, der ihn jeden Augenblick umzingeln und zernichten konnte.

Eugen war am 15.ten von Smolensk abmarschirt und wurde am 16.ten gegen Abend eine Stunde von Krasnoy durch Miloradowitsch angegriffen. Die Unentschlossenheit der Rußen und die Nacht retteten ihn vom gänzlichen Untergange; er war aber von Krasnoy abgeschnitten und hatte kein anderes Mittel diese Stadt zu erreichen, als rechts in einem Bogen den Feind zu umgehen, was


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  1. *) Chambray, 2.r Band, Seite 194. Boutourlin, 2.r Band, Seite 232, giebt die Stärke der rußischen Armee nur zu 50,000. Mann an, was wohl, neben dem, daß er ein Ruße ist, seinen Grund darin finden mag, daß er das was bei Krasnoy unter den Waffen stand, berechnet, ohne die Detachements hinzuzuzählen.
  2. *) Fabers Blätter, Nro 84 und 85.