Tage-Buch von 1812/Abschnitt V

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Abschnitt V.
Stimmung in der Armee nach der Schlacht von Smolensk. Napoleon beschließt weiter vorzurücken. Rückzug der Rußen in die Stellung von Borodino. Bemerkungen über die Lage der französischen Armee. Schlacht von Borodino /: an der Moskwa :/
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Nach der Schlacht von Smolensk war Jedermann sehr gespannt auf die weitern Operationen. In der Armee hegte man allgemein um so mehr den Wunsch, daß der Kaiser[GWR 1] anhalten und die Eroberung der rußisch-polnischen Provinzen vollenden möchte, als bekannt war, daß Macdonald bei Riga, und die Corps welche gegen Wittgenstein an der Düna und gegen Tormasow in Wolhynien stehen geblieben waren, keine Fortschritte gemacht hatten. Man fürchtete, daß unsere Rückzugslinien gefährdet werden und die Armee in eine sehr mißliche Lage kommen


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möchte, wenn es diesen Corps nicht mehr möglich seyn sollte, dem sich immer mehr verstärkenden Feind die Spitze zu bieten. Man behauptet, daß dieser allgemeine Wunsch der Armee in dem Kriegsrath, welchen Napoleon in Smolensk hielt, laut ausgesprochen worden sey. Der Kaiser war aber nicht gewohnt, viel Rücksicht auf die Ansichten Anderer zu nehmen, und noch viel weniger Widerspruch zu ertragen, und beschloß daher von neuem vorzurücken, in der Hoffnung, die Rußen zu einer Schlacht zu zwingen und in Moskau den Frieden vorzuschreiben. Dem zu Folge überschritt Mürat am 22ten den Dnieper auf der Moskauer Straße bei dem Dorfe Solowiewo. Ihm folgten am 23ten das 1te, 3te und 8te Armee-Corps, gleich wie die Garden, während sich der Vicekönig von Italien links nach Dukhowtschina gewendet hatte, um von dort einen Seitenweg nach Dorogobusch einzuschlagen, und Poniatowsky mit dem 5ten Corps rechts auf dem Weg nach Jelnia vorrückte.

Barklay hatte sich mit Bagration vereinigt und dieseits


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Dorogobusch eine Stellung bei Uswiaty, hinter dem Bach Uja genommen, seinen rechten Flügel an den Dnieper gelehnt. Die Rußen schienen in dieser Stellung eine Schlacht annehmen zu wollen, zogen sich aber, nach einem Avant-Gardegefecht, nach Wiazma zurück, und überließen uns die kleine Stadt Dorogobusch, nachdem sie dieselbe theilweise eingeäschert hatten.

Bei Dorogobusch verließen wir den Dnieper, der nicht weit von da, auf einer mit Wald bewachsenen morastigen Hochebene seine Quellen hat, in deren Nähe auch die Wolga und die Düna entspringen, um in entgegengesetzter Richtung dem schwarzen Meere, dem caspischen Meere und der Ostsee zuzuströmen.

Von Dorogobusch an hatte Mürat beinahe täglich Gefechte mit der rußischen Arriere-Garde zu bestehen, von denen das am 27ten bei Rybki und das am 29ten bei Wiazma Erwähnung verdienen. Dieselben hatten zwar stets den Rückzug der Rußen zur Folge, ermüdeten aber immer mehr unsere ohnedies sehr erschöpfte Cavalerie.


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Am 29ten zog Napoleon in Wiazma ein, welches vom Feind angezündet, zum großen Theil abbrannte. Wir bezogen ein Lager rückwärts der Stadt, in schönen reifen Fruchtfeldern, welche abgemäht und niedergetreten, am andern Morgen ein trauriges Bild des verheerenden Zuges gewährten, der sich in gedrängten Massen der entscheidenden Schlacht zuwälzte.

Die Rußen hatten sich in eine Stellung bei Tzarewo-Zaimitcze zurückgezogen, in welcher Barklay eine Schlacht annehmen wollte, weniger aus Überzeugung, als weil die rußische Armee und die Nation, über das fortwährende Zurückziehen laut ihre Unzufriedenheit äußerten. Man glaubte daß der Oberst von Wollzogen, Adjutant des Kaisers und dem General Barklay beigegeben /: später preußischer Generallieutenant und Mitglied der Militair-Commission in Frankfurt :/ einen nachtheiligen Einfluß auf ihn ausübe, und ging so weit, ihn laut der Verrätherei anzuklagen, woran man ihm aber sehr unrecht that.*)

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*) Clausewitz, 7ter Band, S. 131.


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Der Erfolg hat bewiesen, daß das Zurückgehen der rußischen Armee und das dadurch veranlaßte rücksichtslose Vorrücken des französischen Kaisers, den Untergang seiner Armee herbeiführte, welches Resultat übrigens dem Oberst von Wollzogen damals auch nur höchst dunkel vorgeschwebt haben mochte.

In der gedachten Stellung übernahm der siebzigjährige[GWR 2] Fürst Kutusow, Stockruße und Waffengefährte Suwarows, das Commando der Armee. Derselbe hatte die Moldauarmee gegen die Türken befehligt, und war zurückberufen worden, nachdem er am 28ten Mai den Frieden von Bukarest unterzeichnet und den Oberbefehl an den Admiral Tschitschakow abgegeben hatte. Kutusow wurde von der Armee mit Enthusiasmus empfangen, obgleich er die Schlacht von Austerlitz gegen Napoleon verloren hatte. Auch gab es eine Partei, die ihn für keinen ausgezeichneten Feldherrn hielt; er war aber schlau und klug.

Kutusow hielt die Stellung bei Tzarewo-Zaimitze nicht geeignet zur Annahme einer Schlacht, und wählte hierzu die von Borodino, zwischen Gjatsk und Mojaisk, ungefähr


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27 Stunden von Moskau. In Borodino führte ihm General Miloradowitsch eine Verstärkung zu von 16000 Mann Linientruppen und 10000 Mann Milizen.*)

Am 1ten September vertrieb Mürat die rußische Arriere-Garde aus Gjatsk, und verfolgte sie eine Stunde weit, wobei die würtembergische Reiterei Gelegenheit fand sich auszuzeichnen. Der Kaiser nahm sein Hauptquartier in dieser kleinen Stadt, unweit welcher die Armee ein Lager bezog.

Am 2ten erschien ein Tagesbefehl des Kaisers, der uns eine große Schlacht ankündigte, zu welcher wir uns vorbereiten sollten, was sehr nöthig war, denn wir waren sehr erschöpft: man hatte im eigentlichen Sinne des Wortes das Unmögliche gefordert, um das Mögliche möglich zu machen. Von dem Schlachtfeld von Valutina-Gora bis Gjatsk waren nemlich drei Armee-Corps, die ganze Cavalerie unter Mürat und die Garde in gedrängter Colonne auf der Hauptstraße marschirt, wobei eine unerträgliche Hitze, ein ungeheurer

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*) Boutourlin, 1ter Band, S. 295 und 309.


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Staub und Wassermangel, eine noch größere Qual verursachten, als auf den Märschen jenseits Witebsk. Auch fanden, bei dem gänzlichen Mangel einer Heerespolizei, die Reibungen mit andern Truppen, die sich nach ein und demselben Ziele drängten, in einem erhöhten Grad Statt, und vermehrten die Beschwerden des Marsches auf eine sehr empfindliche Weise. – In Polen waren, trotz der übelen Behandlung, doch viele Einwohner und namentlich Juden in ihren Wohnungen geblieben, und uns von wesentlichem Nutzen gewesen; mit dem Eintritt in das eigentliche Rußland, hatte sich dieses aber geändert: Juden fanden wir nicht, weil ihnen nicht erlaubt ist, in Rußland zu wohnen, und die übrigen Einwohner waren auf mehrere Stunden weit in die Wälder geflohen, nachdem sie, oder die Kosaken die Ortschaften angezündet hatten. Auf der Straße fanden wir daher wenig zu leben, auch konnte, wegen Mangel an Zeit, von der Verpflegsbehörde keine Fürsorge getroffen werden, es blieb also nichts übrig, als wieder zu den Requisitions-Commandos seine Zuflucht zu nehmen,


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welche die Wälder durchstreifen und die dort verborgenen Vorräthe aufsuchen mußten, wobei sie öfters mit den Bauern in Kampf geriethen. Daß bei diesem kleinen Krieg nichts geschont wurde, läßt sich denken. Von Smolensk an hatte der Krieg vollkommen den Charakter eines Einfalles von Barbaren angenommen und das Elend nahm auf eine Schrecken erregende Weise zu. Auf fünf bis sechs Stunden rechts und links der Straße bezeichneten abgebrannte Dörfer, entheiligte Kirchen und Gräuel aller Art den Marsch der Armee, welche sich auf diese Weise die Mittel zum Unterhalt für den Rückzug raubte und die rußische Nation zum äußersten Widerstand reitzte. Von Seiten der Armee-Commandos geschah unbegreiflicherweise gar nichts um diesem Übelstand abzuhelfen.

Von Valutina-Gora bis Gjatsk hatten wir wieder ein Dritttel der Infanterie durch Krankheiten und Ermattung verloren. Dieselbe zählte nur noch 1456 Mann vom Oberst abwärts, also ungefähr ein Sechstel ihrer ursprünglichen


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Stärke. Es wurde deshalb für nöthig erachtet, als Vorbereitung zu der bevorstehenden Schlacht, jede der drei Brigaden auf ein Bataillon zu vermindern, wodurch mehrere Offiziere überzählig wurden, welche der Division in einiger Entfernung folgten, um durch sie den entstehenden Abgang zu ersetzen.

Den Oberbefehl über diese Hand voll Leute übernahm der General von Hügel, unter ihm commandirte der Oberst von Stockmayer. Das Commando des 2ten, aus unserer Brigade zusammengesetzten Bataillons, erhielt der Oberstlieutenant von Schmidt vom Regiment Kronprinz. – Ich war eben beschäftigt, angekommene Briefe aus dem Vaterland auszutheilen, als mir der General von Hügel sagen ließ, er wünsche daß ich die Adjutanten-Stelle bei diesem Bataillon übernehmen möchte, und mir zugleich eine lettre d’annonce übersendete, nach welcher mich der Kaiser, für mein Benehmen in der Schlacht von Smolensk, zum Mitglied der Ehrenlegion ernannt hatte. Obgleich ich mich seit einigen Tagen unwohl


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fühlte, so erlaubte mir doch weder die Art, wie mir dieser Wunsch ausgedrückt wurde, noch die Aussicht auf die bevorstehende Schlacht, an etwas anderes, als an Einwilligung zu denken. –

Die Artillerie suchte möglichst viele Pferde aufzukaufen, weil sie mit der schlechten Bespannung die Kanonen kaum fortbringen konnte. Mir fehlte es an Geld, ich verkaufte deshalb das Pferd, welches mich in der Schlacht von Smolensk durch seine Widerspenstigkeit in Verlegenheit gesetzt hatte, um zehn Carolin, und that wohl daran, denn die Bestimmung dieses Thieres war, in der bevorstehenden Schlacht todtgeschoßen zu werden.

Die beiden andern Divisionen unseres Armee-Corps hatten ebenfalls große Verluste erlitten, am meisten aber zwei bei denselben eingetheilte portugiesische Infanterie-Regimenter. An Körperbau, Gesichtsbildung, Farbe und Sitten schroff von allen andern Truppen unterschieden, schienen sie mehr einer afrikanischen als europäischen Armee anzugehören. Schon ihre dunkelbraunen Uniformen


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und eigne Kopfbedeckung zeichneten sie vor allen andern Truppen der Armee aus. Oberstlieutenant von Faber hat in mehreren seiner Blätter, unter andern sehr charakteristischen Bildern, auch treue Abbildungen der Portugiesen geliefert.*) Die Wenigen, welche nach der Schlacht an der Moskwa noch übrig blieben, fielen als die ersten Opfer des ungewohnten Klimas; ihre auffallenden Gestalten waren in dem großen Chaos des Rückzuges untergegangen. Man behauptet, daß die Gefangenen von den Rußen gut behandelt und alsbald in ihre Heimath eingeschifft worden seyen. Diese sind wohl die Einzigen, welche dieselbe wiedererblickt haben. –

Den 3ten in der Nacht hatten wir den ersten Frost, der unsern schlecht gekleideten Soldaten sehr fühlbar war. Am 4ten marschirten wir vorwärts. Mürat besetzte, nach einem hartnäckigen Gefecht, das Dorf Gridnewo, wo der Kaiser sein Nachtquartier nahm.

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*) Fabers Blätter, No 22 und 49.


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Die Rußen hatten ihre Stellung auf den Höhen hinter dem Flüßchen Kolocza genommen, dessen tief eingeschnittene Ufer den rechten Flügel und das Centrum, von Borodino bis zu der Einmündung der Kolocza in die Moskwa, an welche sich der rechte Flügel anlehnte, beinahe unangreifbar machten. Von Borodino aufwärts entfernte sich der linke Flügel von den Ufern der Kolocza, erstreckte sich bis Utitsa und hatte das Dorf Semenoffskoie in seiner Mitte. Der Zugang zu den sanft ansteigenden Anhöhen dieses Theiles der Stellung, war durch tiefe Schluchten und Gebüsch erschwert. Hinter Borodino, auf einer Anhöhe über welche die Straße führt, war eine erste Verschanzung, links derselben eine zweite und links vorwärts von Semenoffskoie waren drei weitere Verschanzungen aufgeworfen und stark mit Artillerie besetzt. Die zweite Schanze war die größte und dominirte den Zugang zum linken Flügel vollkommen. Ungefähr 2000 Schritte vorwärts hatten die Rußen auf einer kegelförmigen Anhöhe /: Mamelon :/, hinter dem Dorfe Doronino, eine


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Schanze aufgeworfen, um den linken Flügel zu verstärken und von dort die Bewegungen des Feindes zu beobachten.

Am 5ten näherte sich die französische Armee der rußischen Stellung. Nachmittags erhielt das 1te Armee-Corps den Befehl, unter Mitwirkung der 5ten, das Dorf Doronino und die Schanze zu stürmen. Dieselbe wurde genommen und mehreremalen wieder verloren, am Ende blieben aber die Franzosen, mit dem Einbruch der Nacht, im Besitz und die Rußen zogen sich in ihre Hauptstellung zurück. Der linke Flügel der Rußen war durch den Verlust dieser Schanze noch mehr geschwächt worden, weshalb Napoleon beschloß, seinen Hauptangriff gegen diesen Punkt und gegen das rußische Centrum zu richten. Am 6ten Abends rückten die verschiedenen Armee-Corps in die für den folgenden Tag gegebene Schlachtordnung ein.

Den 7ten in aller Früh verfügte sich der Kaiser in die am 5ten eroberte Schanze, von wo man das ganze Schlachtfeld übersehen konnte, versammelte die Marschälle und übrigen Befehlshaber um sich und ertheilte


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ihnen seine letzten Befehle. Um 5 Uhr trat die Armee unter die Waffen, um nachstehende Proclamation zu vernehmen:

"Soldaten! Die von euch so sehr gewünschte Schlacht wird beginnen. Der Sieg liegt in eurer Hand; er ist uns nöthig, er wird uns Überfluß, gute Winterquartiere und eine schnelle Rückkehr ins Vaterland verschaffen! Benehmt euch wie bei Austerlitz, Friedland, Witebsk, Smolensk, und die späte Nachwelt wird eure Thaten an diesem Tage rühmen; man wird von euch sagen: er war in der großen Schlacht unter den Mauern von Moskau."

Kutusow hatte am 6ten ebenfalls eine auf den Charakter der Rußen berechnete Proclamation erlassen und hierauf eine Revue gehalten, bei der er ein Bild der heiligen Jungfrau vor sich her tragen ließ, das man aus Smolensk gerettet hatte und dem die Nation eine wunderthätige Kraft zutraute. Beides war nicht ohne mächtige Wirkung auf den Soldaten geblieben, dessen Muth man durch eine reichliche


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Austheilung von Lebensmitteln und Branntwein noch mehr zu steigern suchte. Wir dagegen hatten Mangel an allem, besonders mein Regiment, dem am 5ten von der französischen Garde das Schlachtvieh geraubt worden war. Diese Truppe durfte sich überhaupt manches ungestraft herausnehmen und war deshalb in der Armee keineswegs beliebt. Unsre Soldaten waren so hungrig, daß sie während der Schlacht gierig über die wohlgefüllten Brodsäcke und Branntweinflaschen der todten und gefangenen Rußen herfielen. Ich erinnere mir für ein Stückchen schwarzen Zwieback und einen Schluck Branntwein, einem Soldaten einen Albertsthaler /: 2 fl. 24 x :/[GWR 3] gegeben zu haben.

Die französische Armee mochte 130000 Mann und die rußische 120000 Mann stark seyn.*) Eine jede hatte ungefähr 600 Kanonen.

Der Kaiser hatte im allgemeinen folgende Anordnungen

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*) Clausewitz, 7ter Band, S. 141. Seine Angaben dürften von allen die richtigen seyn.


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getroffen: Eugen, der sich mit 40000 Mann auf dem linken Ufer der Kolocza befand, sollte Borodino und das rußische Centrum angreifen. Davoust und Ney standen mit ungefähr eben so viel, bereits auf dem rechten Ufer des Flüßchens und waren bestimmt gegen den linken Flügel vorzurücken. Die Garden, Jünot und ein Theil der Reserve-Cavalerie bildeten die Reserve, und Poniatofsky mit seinen 10000 Polen, sollte die linke Flanke umfassen.

Die Schlacht begann um 6 Uhr mit einer gewaltigen Kanonade, während die Truppen nach der gegebenen Disposition vorrückten. Zwei Divisionen des 1ten Armee-Corps griffen ein vor den Schanzen des rußischen linken Flügels liegendes Gehölz und diese Schanzen selbst an. Zu gleicher Zeit entspan sich rechts zwischen unsrer und der rußischen Cavalerie ein Gefecht mit abwechselndem Erfolg. Nachdem die erste Schanze nach einem hartnäckigem Kampf genommen worden war, besetzte sie das 57te französische Infanterie-Regiment, und das 1te Armee-Corps zog sich links zum Angriff der zweiten Schanze. Marschall Ney, der ursprünglich bestimmt


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war, Davoust zu unterstützen, befand sich somit in der fechtenden Linie und befahl einen erneuerten Angriff der Reiterei auf die vorrückende feindliche Infanterie, der aber durch die rußische Cavalerie vereitelt wurde, worauf die Infanterie die Schanze angriff. In diesem Augenblick kam unsre Division an. Das combinirte Jäger-Bataillon eilte in die Schanze, um die Franzosen, welche sehr gedrängt wurden, zu unterstützen. Was vom Feind eingedrungen war und nicht flüchtete, wurde niedergestochen. Mein Bataillon erhielt Befehl sich rechts von der Schanze in Linie aufzustellen. Wir waren im Begriff denselben auszuführen, als Dragoner und Husaren auf uns einstürmten, aber mit Verlust zurückgewiesen wurden, worauf wir die befohlene Aufstellung nahmen, den linken Flügel an die Schanze gelehnt. Auf unserm rechten Flügel stellte sich eine würtembergische reitende Batterie auf.

Nachdem wir kurze Zeit hier gestanden waren, kam der König von Neapel in seinem theatralischen Anzug stieg ab und bestieg das Parapet der Schanze, von wo aus man


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einen großen Theil des Schlachtfeldes übersehen konnte; von dort begab er sich zu der Batterie. In diesem Augenblick erhielt unser Leibchevauxlegers-Regiment Befehl, rußische Infanterie, welche von neuem gegen uns anrückte, anzugreifen. Staub und Rauch verhinderten uns die Gegenstände deutlich zu erkennen, wir sahen aber, daß unsere Chevauxlegers zurückkehrten und daß ihnen Cürassiere in weißer Uniform und schwarzen Cürassen folgten. Anfänglich glaubten wir, es seyen Sachsen, welche, ähnlich gekleidet, am Morgen der Schlacht an uns vorüber gezogen waren und Schillers Lied "frisch auf Cameraden" gesungen und dadurch unsre besondere Aufmerksamkeit erregt hatten. Auch Mürat rief uns zu, nicht zu schießen, indem es Sachsen seyen. Dieses Mißverständniß wäre ihm aber beinahe theuer zu stehen gekommen, denn er kam in das Gedränge der Reiterei und hatte kaum Zeit sich in den Haken zu retten, den wir schnell, durch Zurücknahme der rechten Flügel-Compagnie, bildeten, um unsre Flanke gegen die erkannten rußischen Cürassiere zu schützen, welche die Batterie


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eroberten und die Chevauxlegers bis zu dem in Reserve stehenden 1ten Regiment verfolgten, von diesem aber geworfen wurden. Unser Feuer, dem sie auf kurze Entfernung ausgesetzt waren, verursachte ihnen einen bedeutenden Verlust. Mürat ritt zu dem Grenadier-Hauptmann von Schaumberg, klopfte ihm auf die Schulter und lobte unsre Geistesgegenwart und Tapferkeit, ohne welche er wohl würde gefangen worden seyn.*) Kurze Zeit nachher formirte sich die rußische Infanterie zu einem neuen Sturm, weshalb unser Bataillon auch in die Schanze rücken mußte. Dieser Angriff, bei welchem der Generallieutenant von Scheler einen, zum Glück nicht gefährlichen Schuß in den Hals erhielt, wurde ebenfalls abgeschlagen.

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*) Fabers Blätter No 54. Dieses Blatt soll den geschilderten Moment der Schlacht vorstellen. Die Lage der Schanze und unsre Aufstellung ist nicht ganz richtig, dagegen sind die verschiedenen Uniformen und namentlich das theatralische Costüme des Königs von Neapel sehr gut dargestellt.


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Marschall Davoust hatte sich, wie bereits erwähnt wurde, mit zwei seiner Divisionen links gezogen, und befand sich im heftigen Gefecht um die zweite Schanze. Auf die Nachricht, daß er leicht verwundet worden sey, bestimmte der Kaiser den König von Neapel zu seinem Nachfolger im Commando; Davoust erklärte jedoch den Befehl fortführen zu wollen.

Auf dem linken Flügel hatte Eugen das Dorf Borodino genommen und war mit dem größten Theil seiner Truppen über die Kolocza gegangen.

Auf dem rechten Flügel war Poniatofsky Meister des Dorfes Utitsa geworden und schlug sich mit abwechselndem Glück in einem vorwärts gelegenem Gehölz.

Es war acht Uhr vorbei. Die Rußen hatten Verstärkung erhalten und griffen uns von neuem an, weshalb Ney seiner Seyts auch um Verstärkung bat. Napoleon blieb, gegen seine Gewohnheit, unschlüßig und schickte endlich die Division Friant des 1ten Armee-Corps; darüber war aber eine kostbare halbe Stunde verfloßen, während welcher wir nur mit


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der größten Anstrengung den Feind aufhalten konnten. Nach Ankunft der Division Friant, zog sich Davoust weiter links und nahm die Trümmer des, schon vor der Schlacht von den Rußen abgebrannten, Dorfes Semenoffskoy in Besitz, während die Division Razout in die zweite Schanze rückte. Dabei blieb es aber. Die Rußen zogen sich auf eine dominirende Anhöhe zurück und beschränkten sich auf ein sehr heftiges Kanonenfeuer, welches uns in der, wenig Schutz gewährenden, Schanze sehr belästigte, weshalb wir uns, durch Niederlegen hinter den schwachen Wall, etwas zu decken suchten. Beide Theile waren sehr ermüdet. Besonders hartnäckig war der Kampf in unserer Schanze und in deren Nähe gewesen. Der Boden war bedeckt mit todten Menschen und Pferden. Selten mag ein Gefecht mit so großer Tapferkeit und Ausdauer geführt worden seyn. Bei unserm Angriff auf die Schanze hatten wir besonders durch Kartätschenfeuer viel gelitten.

Auf dem rechten Flügel hatte Poniatoffsky, unterstützt von dem 8ten Armee-Corps, die Rußen wohl eine Stunde


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weit zurückgetrieben. Zu unserer Linken hatte General Morand, wie er sah, daß ein großer Theil des 4ten Armee-Corps über die Kolocza gegangen war, sich gegen die, im Centrum der rußischen Stellung gelegene, große Schanze gewendet, und sie durch ein Regiment erstürmen lassen. Dasselbe wurde aber mit großem Verlust wieder herausgeworfen und Morand selbst konnte sich nur mit vieler Mühe auf dem Plateau halten, weshalb Eugen zu seiner Unterstützung einen Theil des 4ten Armee-Corps vorrücken ließ. Zwischen uns und Morand standen bedeutende Cavaleriemassen in erster Linie. Während Eugen diese Bewegung ausführen ließ, machte eine unterhalb Borodino über die Kolocza gegangne rußische Cavalerie-Division einen Angriff auf seine dort stehende Reserve, der zwar in dem durchschnittenen Terrain keinen Erfolg hatte, den Vice-König aber nöthigte, einen Theil seiner Truppen über das Flüßchen zurückzuschicken, wodurch der Angriff auf die große Schanze verzögert wurde.

Nach Beendigung dieses Zwischenactes, überschritt das 4te


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Armee-Corps von neuem die Kolocza, um die große Schanze mit stürmender Hand einzunehmen, während General Coulaincourt mit einer Cürassier-Division in die feindliche Linie einbrach, sich hierauf links wendete und von der Rückseite in die Schanze eindrang. – Es war drei Uhr. – Die Rußen hatten ihre Verschanzungen verloren, und die ganz Linie von Borodino nach ihrem linken Flügel war zurückgedrängt. Da beschloß Kutusow einen Angriff auf die französische Mitte zu unternehmen, welche, wie bereits gesagt, nur aus Cavalerie bestand. Die Zubereitungen hierzu konnten von der Stellung der Franzosen aus gesehen werden und erfolgten so langsam, daß 80 Geschütze auf dem bedrohten Punkte vereinigt, und die Garden zur Unterstützung aufgestellt waren, bevor der Angriff begann. Die Rußen rückten im heftigsten Kanonenfeuer vor; ihre Cavalerie griff die Batterien an, nahm auch einige, wurde aber von der französischen Cavalerie wieder geworfen. Ihre Infanterie litt außerordentlich und zog sich, von der Cavalerie gedeckt, zurück ehe sie zum Angriff kam.


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Die Armeen blieben sich gegenüber stehen und die Schlacht endigte mit einer bis in die Nacht dauernden Kanonade.

Wir hatten gegen vier Uhr die Schanzen verlassen und zwischen der zweiten und Semenoffskoy eine Aufstellung genommen, in der wir dem feindlichen Kanonenfeuer sehr ausgesetzt waren. Gegen Abend zogen wir uns etwas rechts, um am Rand eines Gebüsches zu lagern. Die Truppen waren äußerst ermüdet.

Von der rußischen Armee hatten, außer den Milizen, alle Truppen Theil an der Schlacht genommen, von den Franzosen die Garden allein nicht. Napoleon hätte mit diesen ohne Zweifel einen vollständigern Sieg, vielleicht eine völlige Niederlage der Rußen herbeiführen können. Daß er unterließ, sie zu einem letzten Angriff vorrücken zu lassen, ist von vielen Seiten als ein großer Fehler bezeichnet worden. Andere wollen den Grund in einem Unwohlseyn suchen, welches den Kaiser schon mehrere Tage vor der Schlacht überfallen und sehr abgemattet habe.*) Selbst französische Schriftsteller

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*) Segür, 1ter Theil, Seite 391 und 402

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erwähnen, daß der Kaiser an diesem Tag zu weit entfernt gewesen sey, in den wichtigsten Momenten eine ungewöhnliche Unentschlossenheit, sich mit seinem Wort nicht als der große Feldherr der frühern Zeit gezeigt habe.*) Jedenfalls dürfte aber in Erwägung zu ziehen seyn, daß die französische Armee unglaublich schnell zusammengeschmolzen war, und daß es für den Kaiser höchst wichtig seyn mußte, den Kern derselben zu erhalten. Daß er Moskau erreichen werde, unterlag wohl keinem Zweifel mehr, und dort hoffte er Frieden schließen zu können, wobei die Erhaltung einer imposanten Macht ein Haupterforderniß war.

Kutusow fühlte, daß seine Armee einem neuen Stoß nicht hätte widerstehen können. Jetzt war sie noch so, daß er in Ordnung abziehen konnte; er beschloß daher den Rückzug in der Nacht anzutreten. Den Befehl über die Arriere-Garde erhielt Platof, später Miloratowitsch.

Nach dem 18ten Bülletin hätten die Franzosen 10.000, die Rußen 40 bis 50000 Mann verloren. Diese Angabe ist aber

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*) Chambray 1ter Theil, Seite 316; Segür, 1ter Theil, Seite 420.

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unrichtig: die Franzosen werden nicht viel weniger als 30000 Tode und Verwundete gehabt haben, unter denen 40 Generale; die Rußen dagegen mehr an 50000, und 2000 Gefangene.*) Von bekannten französischen Generalen waren Montbrün und Coulaincourt geblieben. Fürst Bagration starb wenige Tage nach der Schlacht an seinen Wunden. Der Verlust der Würtemberger bestand in 5 todten und 40 verwundeten Offizieren und in 587 Unteroffizieren und Soldaten, also ungefähr in dem vierten Theil der zur Schlacht ausgerückten Mannschaft.

Die außerordentliche Hartnäckigkeit mit welcher gefochten worden war, und die beispiellos tiefe und gedrängte Aufstellung der beiderseitigen Armeen, namentlich der rußischen, was dieser besonders zum Vorwurf gemacht wird, verursachten den ungeheuern Verlust. Borodino bleibt die blutigste Schlacht, welche Napoleon geliefert hat, und doch war das Resultat verhältnißmäßig sehr gering. –

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*) Boutourlin, 1ter Band, S: 349; Chambray 1ter Band, S: 314.


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Als der Kaiser am folgenden Tag das Schlachtfeld beritt, bot sich ihm ein gräßliches Schauspiel dar: in der Ausdehnung einer halben Quadratmeile war der Boden mit Toden und Sterbenden bedeckt. An manchen Stellen, besonders bei den Schanzen, lagen die Leichnahme von Menschen und Pferden gehäuft; zwischen ihnen Trümmer von Waffen und Heergeräth aller Art. Einen schrecklichen Anblick gewährten die Vertiefungen und Hohlwege, in welche sich die Verwundeten, von einem natürlichen Instinkt getrieben, mühsam geschleppt hatten, um vor neuen Wunden gesichert zu seyn. Am gräßlichsten sah es jedoch bei den Ambülancen aus, wo ganze Haufen abgeschnittener Glieder umherlagen. – Die Verbandzeuge waren bald aufgebraucht gewesen und man hatte zu Werg, und da dieses ebenfalls ausging, sogar zu Heu seine Zuflucht nehmen müßen. – Die Häuser der rückliegenden Dörfer hatten nicht genug Raum zur Aufnahme der Verwundeten, viele der ärmsten legten sich daher außen an die Häuser hin, um wenigstens vor dem Wind geschützt zu seyn; sie blieben es aber nicht


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vor dem kalten Regen, der uns am Tag nach der Schlacht empfindlich belästigte. Viele Verwundete, namentlich rußische, wurden gar nicht verbunden und blieben verlaßen auf dem Schlachtfeld liegen. Man hat elf Tage nach der Schlacht noch welche gefunden, die durch Nagen an todten Pferden ihr elendes Leben zu fristen suchten. – In der großen Abtei Kolotskoi und in den an der Straße liegenden Dörfern waren eine Menge Verwundete untergebracht worden. Mehrere dieser Dörfer brannten später ab, und die Unglücklichen, welche nicht fliehen oder gerettet werden konnten, kamen auf eine elende Weise in den Flammen um. Ich habe mehrere solcher Brandstätten gesehen, wo die verbrannten Körper noch in Reihen so lagen wie früher die Verwundeten auf den Böden der Zimmer. Andere waren wohl den Flammen entronnen, aber entsetztlich verstümmelt und krochen herum, nach Nahrung suchend, um ihr trauriges Daseyn noch einige Tage lang zu fristen.*)

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*) Fabers Blätter, No 59

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Bei uns war gut gesorgt gewesen: die Verwundeten hatten alle verbunden und in ein rückliegendes Dorf gebracht werden können. Auch hier brach Feuer aus und nur durch große Anstrengung und Geistesgegenwart der Ärzte gelang es, die Gefahr des Verbrennens von den Verwundeten abzuwenden.

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Es bleibt mir am Schluß dieses Abschnittes noch übrig einige interessante Thatsachen zu erzählen, von denen ich in der Schlacht Augenzeuge war.

Während wir in der Schanze lagen, um uns einigermaßen vor dem heftigen Kanonenfeuer zu schützen, gab ein Soldat des Regimentes einen Beweis von seltener Geistesgegenwart und Muth: eine über die Brüstung herabrollende Granade blieb neben dem Hauptmann von Löffler und mir liegen; die Gefahr war groß und dringend, da sprang dieser Soldat auf, packte die brennende Granade und warf sie über die Brüstung, wo sie gleich darauf platzte. Ich bedauere den Namen dieses braven Soldaten vergessen zu haben. Er wurde zur goldnen Vedienstmedaille eingegeben,


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kam aber um, bevor ihm die Freude über diese wohlverdiente Auszeichnung werden konnte.

Hier sahen wir auch einen frappanten Fall von Unglück: ein verwundeter französischer Hauptmann wurde, auf einem Gewehr sitzend, von zwei Soldaten durch die Schanze getragen, welche das Marinebataillon der Garde auf der entgegengesetzten Seite bereits zu demoliren begann. Noch ein paar Secunden und der Hauptmann hätte hinter der Schanze Schutz gefunden; da schlug ihm eine Kanonenkugel beide Beine ab, ohne seine Träger zu beschädigen.

Mich befreite ein schnelles Bücken vor einer ähnlichen unfreundlichen Berührung. General Marchand, der mit dem General von Hügel außen an der entgegengesetzten Seite der Schanze saß, wünschte nemlich den Stand der Dinge auf dem linken Flügel zu erfahren, worauf ich ihn ersuchte mir sein Fernrohr zu geben. Ich stellte mich auf die Brustwehr, von wo man eine freie Aussicht hatte, und war ganz in meine Beobachtungen vertieft, als der neben mir stehende Lieutenant von Stockmayer ängstlich rief: "bücke dich", was


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ich mechanisch befolgte und so einer Granade auswich, die, auf der vordern Brustwehr aufgeschlagen, im Bogen über mich wegflog und zwischen den beiden Generalen und der westphälischen Garde, die hinter der Schanze als Reserve aufmarschirt stand, platzte. Mehrere meiner armen Landsleute wurden niedergerißen und die Generale mit Erde bedeckt.

Einem rußischen Cürassier war bei dem letzten Angriff sein Pferd erschoßen worden; er suchte sich zu Fuß zu retten, wurde jedoch von einem Grenadier eingeholt und zu uns gebracht, wo er in großer Aufregung Zeichen machte, die wir nicht verstanden. Zufälligerweise befand sich ein Unteroffizier beim Regiment, der etwas rußisch verstand und uns übersetzte, daß der Cürassier verlange todtgeschoßen zu werden, weil er die Schande, von einem Infanteristen gefangen zu werden, nicht ertragen könne.

In der Aufstellung welche wir gegen vier Uhr bei Semenoffskoy nahmen, hatten wir sehr durch Kanonenfeuer zu leiden, weshalb die Mannschaft den Befehl erhielt, sich auf die Erde zu legen. Unter den vielen Granaden, die


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um uns her platzten, kam auch eine gerollt und verwickelte sich in den Mantel eines Soldaten, dessen Kameraden, die Wirkung des Springens fürchtend, schnell einen Kreis um ihn bildeten. Der arme Mensch schrie erbärmlich und wir glaubten, er sey verwundet, die Granade war jedoch erstickt und hatte blos seinen Mantel angezündet. Durch die brennenden Kleider wurde aber der Ärmste so übel zugerichtet, daß er einige Tage nachher unter den ärgsten Schmerzen starb.

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Anmerkungen der Artikel Redaktion im GenWiki:

  1. Napoleon
  2. Kutusow wurde am 19. September 1815 siebzig Jahre alt, war also im Jahr 1812 68 Jahre.
  3. 2 Gulden 24 Kreuzer