Tage-Buch von 1812/Abschnitt VI

Aus Baumbach-Archiv
Zur Navigation springen Zur Suche springen


115
Abschnitt VI.
Unsre Lage nach der Schlacht. Vorrücken der Armee nach Moskau. Beschreibung dieser Hauptstadt. Rostopschin. Besetzung und Brand Moskaus. Dislocation der Armee. Rückzug der Rußen hinter die Nara. – Mein Marsch nach Moskau und Aufenthalt daselbst. – Napoleon beschließt den Rückzug. Mürat wird bei Tarutino geschlagen.
___________

In dem Lager, welches wir nach der Schlacht am Rande eines Gebüsches bezogen hatten, blieben wir zwei Tage lang stehen. Es gebrach uns hier an allem. Stroh gab es nicht, und die aus Büschen errichteten Baracken gewährten nur geringen Schutz gegen einen feinen Regen und die in ihrem ganzen Umfang eintretende Herbstwitterung. An Lebensmitteln war großer Mangel, und wir waren schon hier genöthigt zu Pferdefleisch unsre Zuflucht zu nehmen, woran es nicht fehlte, denn auf dem Schlachtfeld standen


116
eine Menge verwundete Pferde. Die auf dem Schlachtfeld herumliegenden Gewehre dienten uns zur Feuerung, denn das grüne Gebüschholz brannte nicht. Wir befanden uns mit einem Worte, nach so vielen ausgestandenen Gefahren und Entbehrungen, in einer höchst erbärmlichen Lage.

Nach Beendigung meiner Dienstgeschäfte, suchte ich am andern Tag nach der Schlacht, an einem elenden Feuerchen auszuruhen, da hörte ich auf einmal meinen Namen nennen, sah auf und erblickte den Hauptmann von Stark von den westphälischen Jägern, welche nicht weit von uns, nur durch ein Gebüsch getrennt, lagerten. Stark, der Bruder meines nachherigen Schwagers, hatte gehört, daß Würtemberger neben ihnen ständen und war gekommen mich aufzusuchen. Groß war die Freude des Wiedersehens nach langer Trennung und glücklich überstandenen Gefahren. Diese Freude machte jedoch bald materiellen Gefühlen Platz und wir befrugen uns gegenseitig nach Mitteln um unsern Hunger zu stillen; da fand es sich denn, daß er ein Stückchen Fleisch und ich ein wenig Brod hatte, woran wir uns ein,


117
unter den damaligen Umständen, köstliches Mahl bereiteten. An demselben Tag kam auch mein Freund Wildermouth von seiner Courierreise zurück. Er hatte viel durch Strapazen gelitten und mit Mangel aller Art zu kämpfen gehabt und war überdies um die Gelegenheit gekommen, sich bei Smolensk und Mojaisk auszuzeichnen, was ihn sehr betrübte.

Mein schon in Gjatsk gefühltes Unwohlseyn hatte ich in der Aufregung der letzt verflossenen Tage wenig beachtet, dasselbe nahm aber immer mehr einen ruhrartigen Charakter an und nöthigte mich den Dienst als Adjutant an Wildermouth zu übergeben, worauf ich am 9ten mit dem Hauptmann von Löffler zurückging, um die in einiger Entfernung der Armee folgenden Offiziere und bei ihnen die Mittel einer bessern Pflege aufzusuchen. Unser Weg führte uns über das Schlachtfeld, wo wir alle im vorigen Abschnitt geschilderten Schreckensbilder von neuem zu sehen bekamen. Unweit der Abtei Kolotskoi trafen wir den Hauptmann von Sattler und entschlossen uns mit ihm eine Unterkunft zu suchen, in der wir weniger durch die Verwundeten belästigt seyn würden,


118
mit denen alle rückliegenden Dörfer angefüllt waren. Wir gingen daher vorwärts gegen Borodino. Gleich in dem ersten Dorf hatte ich einen harten Kampf mit französischen Verwundeten zu bestehen und es fehlte nicht viel, so wäre ich meines kleinen polnischen Wägelchens und meiner ganzen Habe beraubt worden. Nicht weit von Borodino, links der großen Straße, fanden wir in einem Schlößchen Selosplensky [GWR 1] ein würtembergisches Cavalerie - Depot und hinlänglich Raum für uns und unsre Leute. Ich hatte die Ruhr in einem hohen Grad und wurde so schwach, daß ich nicht mehr allein gehen konnte. Zum Glück besaß ich, durch den vor der Schlacht erwirkten Verkauf eines Pferdes, die Mittel mir bei den Marketendern der in der Nähe befindlichen Hospitäler Lebensmittel und namentlich Kaffe zu kaufen, der mich allein von der fatalen Krankheit heilte.

________

Am 8ten hatte Mürat die Rußen bis nach Mojaisk verfolgt. Ney und Jünot waren auf dem Schlachtfeld stehen geblieben. Erst am 9ten konnte Mürat, nach einem


119
Cavalerie-Gefecht, Mojaisk besetzen, wohin der Kaiser sogleich sein Hauptquartier verlegte. Die Stadt, von den Einwohnern verlassen, war voll von verwundeten Rußen, die nun den französischen Platz machen mußten, was zu Gräuelscenen aller Art Veranlaßung gab. Der heftige Widerstand der rußischen Nachhut, die Ungewißheit welche Richtung die feindliche Armee genommen hatte, ob gegen Moskau oder Tula, und die Erschöpfung der eignen Armee, veranlaßten den Kaiser einge Tage zu verweilen. Am 11ten war die französische Vorhut nur sieben Stunden weit über Mojaisk hinausgerückt, der übrige Theil der Armee stand, in derselben Ordnung wie vor der Schlacht, vor und seitwärts der Stadt.

Kutusow zog sich auf der Straße nach Moskau zurück und nahm am 12ten eine Stellung bei Mamonowo, drei Stunden von Moskau. Er ließ Verschanzungen aufwerfen, um seinen Truppen glauben zu machen, daß er hier eine zweite Schlacht annehmen werde, was, nach einem rußischen Autor *),

________
 

*) Boutourlin, 1ter Theil, Seite 356


120
das einzige Mittel war, dieselben zu verhindern, ihre Fahnen zu verlassen und sich in der großen Stadt zu zerstreuen. Die rußische Armee war aber auf 70000 Mann*) zusammengeschmolzen und konnte keinen günstigen Erfolg von einer zweiten Schlacht erwarten, denn die siegreiche französische Armee war immer noch 90000 Mann stark. Sie litt indessen Mangel an allem, weshalb es dringend nöthig wurde, daß der Kaiser einen Entschluß faßte. Dieses geschah am 12ten mit dem Befehl zum Vorrücken in der seitherigen Ordnung. Jünot mit seinem schwachen Armee-Corps blieb in Mojaisk. Am 13ten wurde die von den Rußen verlassene Stellung bei Mamonowo besetzt. Den 14ten Nachmittags erblickte die französische Armee, von dem Sperlingsberg aus, die unermeßliche Stadt mit ihren Palästen und Kirchen. Alles drängte sich vor, um sich an dem wundervollen Anblick zu

________
 

*) Clausewitz, 7ter Band, S. 169. Die Angaben dieses Schriftstellers scheinen überhaupt, was die Armeen betrifft, am meisten Glauben zu verdienen.


121
laben. Jeder glaubte das Ziel der ungeheuern Anstrengungen und Opfer zu erblicken, die der Soldat leicht vergißt, sobald er sich in eine bessere Lage versetzt sieht. Wie bitter war aber die bald darauf folgende Enttäuschung!

Die Entstehung Moskaus verliert sich in die dunkeln Zeiten des fabelhaften Ursprungs des rußischen Reiches. Zweimal wurde die Stadt von den Tartaren erobert und in Brand gesteckt. Ein gleiches Schicksal widerfuhr ihr zu Anfang des 17ten Jahrhunderts von Seiten der Polen. Seit jener Zeit sah Moskau keinen äußern Feind mehr, und erhob sich durch den Reichthum des Adels und den immer mehr aufblühenden Handel, zu einer bedeutenden Höhe von Wohlstand, Größe, Bevölkerung und Glanz. Damals hatte die Stadt einen Umfang von sechs deutschen Meilen. Auf diesem großen, von der Moskwa durchströmten und von Hügeln amphitheatralisch umgebenen Raum, standen gegen 9000 Häuser, welche aber noch viele Nebengebäude hatten, so daß die Gesammtzahl der Gebäude, ohne Übertreibung, auf 20000 berechnet worden ist. Unter jenen 9000 Häusern


122
wurden 1/3 von Stein und die übrigen von Holz angenommen. Die Bevölkerung betrug im Winter ungefähr 400000, im Sommer aber nur 300000 Seelen, weil der zahlreiche Adel mit seinem großen Gefolg, die schöne Jahreszeit auf dem Land zuzubringen gewohnt war. Neben prächtigen Palästen sah man kleine armselige Hütten einen schneidenden Abstand bilden. Ringsum schmückten schöne Gärten und anmuthige Landhäuser die Gegend. Keine Stadt der Welt enthielt so viele Kirchen als Moskau; 330 an der Zahl, waren alle nach einem Muster gebaut. Sie hatten, wie die meisten Kirchen in Rußland, fünf Kuppeln, von denen vier ein Quadrat bildeten und die fünfte größte in der Mitte über die andern hervorragte. Diese Kuppeln waren alle mit Metall bedeckt und die meisten mit verschiedenen Farben angestrichen, einige sogar vergoldet, wodurch Moskau, von der Sonne beschienen, einen wundervollen Anblick gewährte. In der Mitte der Stadt lag der Kremlin auf einem Hügel an dem linken Ufer der Moskwa, mit hohen Mauern umgeben, auf deren Zinnen sich eine Reihe theils runder, theils viereckiger


123
Thürme erhoben. Im Innern des Kremlin befanden sich der alte Palast der Czaren, die Hauptkirche des heiligen Iwan und sonstige öffentliche Gebäude.

Moskau war der Hauptstapelplatz des Handels zwischen Europa und Asien. Ungeheuere Waarenvorräthe fanden sich hier aufgehäuft und noch vermehrt durch die Habe aller Art, welche die Bewohner von Smolensk und der andern Orte, die der Krieg auf seinem verheerenden Zug berührte, hinter den Mauern der heiligen Stadt in Sicherheit gebracht zu haben wähnten.

Im Ganzen bot Moskau mehr den Anblick einer asiatischen als europäischen Stadt. Die Masse des Volks hatte seine Eigenthümlichkeit, Sprache, Sitten und Lebensweise bewahrt. Einfach in Wohnung und Kost, hatte der Einwohner Moskau's das alte Nationalkleid und den langen Bart beibehalten. Von dem Mittelstand und dem gemeinen Volk unterschied sich durchaus der Adel, der, nach französischer Weise erzogen, auch die Sitten und Sprache dieses Volkes angenommen hatte; doch war bei ihm meist nur der Schein wahrer innerer Bildung zu erblicken. - Von diesen Magnaten lebten hier


124
viele aus alter Anhänglichkeit, oder auch weil ihnen das Leben in Petersburg lästig war. Andere hatte die Ungunst des Hofes hierher getrieben. Auf dieses Verhältniß und auf die geheime Spannung, welche zu allen Zeiten zwischen dem Adel Moskaus und dem Hofe herrschte, hatte Napoleon den Plan gebaut, Zwist und Spaltung im Innern des Reichs anzufachen und daraus für seine Zwecke Nutzen zu ziehen.

Der Adel, für die Erhaltung der bestehenden Ordnung der Dinge auf's äußerste besorgt, war entschlossen, für sich zu handeln, wenn etwa der Hof sich bequemen sollte, das Gesetz eines unvortheilhaften Friedens anzunehmen.

Die Ernennung Kutusow's zum Oberfeldherrn, scheint eine Folge dieser Stimmung gewesen zu seyn; über sein Verfahren in jener Zeit ist ein Anstrich eigner Autorität hingehaucht, der nicht undeutlich verräth, daß er gegen Mißfallen am Hofe sich durch die Gewalt der öffentlichen Meinung geschützt wußte.

Graf Rostopschien, Gouverneur von Moskau, war aus einer alten Familie Rußland's entsproßen und hatte seinen


125
feurigen Geist frühzeitig ausgebildet. Als Mitglied eines bevorrechteten Standes und im eignen Besitz seiner großen Vortheile, war er dessen Ansprüchen aus Grundsatz zugethan und daher ein entschiedener Gegner der Ideen, welche die französische Revolution über einen großen Theil der gebildeten Welt verbreitet hatte. Mit diesen Gesinnungen mußte er nothwendig ein abgesagter Feind des Mannes seyn, von dem er nicht ohne Grund argwohnte, daß er, zur leichtern Ausführung seiner Eroberungspläne, den Brand des Aufruhrs und Bürgerkrieges in Rußland zu entzünden gedenke. Als er die Unzulänglichkeit der Vertheidigungsmittel und die immer nachtheiligere Wendung sah, welche der Kampf nahm, beschloß er allein zu vollbringen, was ein ganzes Heer nicht vermochte, nemlich durch einen ungeheuern Schlag die, auf innern Zwist und Spaltung gerichteten, Pläne des Feindes unwiederbringlich zu zernichten und ihm die Frucht des Sieges in dem Augenblick zu entreißen, wo er sei mit gieriger Hand zu brechen hoffte. -

Obgleich behauptet werden will, daß Rostopschien mit


126
Kutusow in entschiedener Feindschaft gelebt und ihn laut angeklagt habe, daß er mit frecher Falschheit Jedermann habe glauben machen, er werde noch eine Schlacht für die Rettung der Hauptstadt wagen*), so ist es doch kaum zu bezweifeln, daß dieser in das Geheimniß eingeweiht war, weil die Ausführung des Planes ohne Vorwissen und Zustimmung des Oberfeldherrn nicht wohl möglich zu seyn scheint. Auch einige Männer des Adels mögen darum gewußt haben; dagegen wird es für nöthig gehalten worden seyn, den großen Entwurf nicht unter dem Handelsstand und der gewerbtreibenden Klasse bekannt werden zu lassen, weil man ihnen nicht die Kraft zutraute, ein so großes Opfer zu bringen, und weil man sich durch eine Kundmachung des Entschlußes, den Erfolg sicherlich vereitelt haben würde.

Als Werkzeug zur Ausführung seines Planes, hatte Rostopschien schon einige Zeit früher einen Fremden, mit Namen Schmidt, ein Deutscher oder Engländer, auf seinem

________
 

*) Clausewitz, Band 7, S: 182. Segür, Band 2, S: 28


127
unweit entfernten Gute Woronowo aufgenommen, der geheimnißvoll eine große Menge brennbarer Stoffe bereitete, welche, gegen den Zeitpunkt der Ausführung hin, an die gewählten Agenten vertheilt wurden.

Kutusow hatte die Einwohner Moskau's mit der Nachricht getäuscht, daß er die Franzosen bei Borodino geschlagen habe, und trieb den Betrug so weit, deshalb ein Tedeum singen zu laßen. Er hatte sogar gewagt, seinem Kaiser die verlorne Schlacht als einen Sieg anzukünden, worauf ihn dieser zur Belohnung zum Feldmarschall ernannte. Ein Räthsel bleibt es, daß der Kaiser diese Täuschung ungeahndet hingehen ließ. Man sollte fast glauben, daß er es nicht wagte, den Mann des Adels in diesem kritischen Augenblick zur Verantwortung zu ziehen.

Rostopschin suchte ebenfalls die Einwohner Moskaus über den wahren Stand der Dinge zu täuschen, während er in der Stille die Vorbereitungen zu der großen Catastrophe zur Reife brachte. Diese Täuschung konnte jedoch von keiner langen Dauer seyn, und als die wahre Lage, in der sich die


128
rußische Armee befand, bekannt wurde, verwandelte sich die Freude in eine allgemeine Bestürzung. Bis zum 12ten September hatten außer dem Adel nur Wenige die Stadt verlassen. Als aber an diesem Tag die Einwohner die Gewißheit erhielten, daß sich Kutusow, von den Franzosen verfolgt, der Stadt nähere; und da nun auch über die Absichten Rostopschin's kein Zweifel mehr blieb, so beeilten sich die ärmsten ihre Heimath zu verlassen, was, wie mir Rußen später erzählt haben, ein jammervoller Anblick gewesen seyn soll. Wenige Ausländer und einige Tausende des niedrigsten Pöbels blieben allein zurück. Rostopschin ließ alle Löschgeräthschaften wegführen und gab zwei tausend Verbrechern unter der Bedingung die Freiheit, die Stadt, nach dem Einrücken der Franzosen, an allen Ecken anzuzünden. Er selbst verließ dieselbe am 14ten Morgens.

Als die französische Armee die Anhöhen vor der Stadt erreichte, schien eine zahlreiche Cavalerie deren Eingang streitig machen zu wollen. Miloradowitsch schickte jedoch einen Parlementair mit dem Anerbieten eines


129
Waffenstillstandes, unter dem Vorwand Moskau zu schonen. Der eigentliche Zweck war aber Zeit zu gewinnen, um die vielen in der Stadt zurückgebliebenen Nachzügler und einen Park zu retten. Mürat nahm den Vorschlag sogleich an, und folgte ruhig der rußischen Arrieregarde, welche sich langsam durch die Stadt zog. Gegen Abend lagerte er mit der Avantgarde an der Straße von Wladimir. Die Garde besetzte den Kremlin, in welchen der Kaiser am 15ten Morgens einzog. Die übrigen Armee-Corps blieben in ihren Stellungen hinter und seitwärts der Stadt. Jedermann war erstaunt, dieselbe verlassen zu finden, am meisten aber der Kaiser, welcher mit einemmal alle seine Hoffnungen schwinden sah, die er auf die Einnahme Moskau's gebaut hatte.

Am 14ten in der Nacht brach an mehreren Orten Feuer aus, was man dem Zufall zuschrieb. Dasselbe vermehrte sich aber bald mit einer Erstaunen erregenden Schnelligkeit, und es blieb kein Zweifel mehr über den wahren Grund seiner Entstehung. Napoleon befahl zahlreiche Patrouillen auszusenden und alle Brandstifter auf der Stelle zu erschießen;


130
dieselben hatten aber die Ortskenntniß für sich, weshalb nur wenige den Patrouillen in die Hände fielen und die Maßregel ohne Wirkung blieb. In der Nacht vom 15ten machte das Feuer bedeutende Fortschritte, und als sich am 16ten ein starker Wind erhob, wurde dasselbe fast allgemein. Moskau glich einem großen durch den Wind bewegten Feuermeer. –

Napoleon hatte am 14ten die strengsten Maßregeln ergriffen, um zu verhindern, daß die ausgehungerte Armee Moskau plündere; dem ohngeachtet hatten sich einzelne Soldaten in die Stadt geschlichen, in der Absicht Lebensmittel zu suchen, was bei der Abwesenheit der meisten Einwohner ziemlich ungestört geschehen konnte. Nachdem es aber bekannt wurde, daß die Rußen die Stadt planmäßig abbrannten, und der Soldat den verheißenen Überfluß untergehen sah, kannte er keine Grenzen mehr. Die Plünderung und die Feuersbrunst hielten gleichen Schritt. Generale, Offiziere und Soldaten, durch die Noth getrieben, irrten in der verlassenen Stadt umher, um den Flammen die Beute streitig zu machen.


131
Sie brachen in die Keller, berauschten sich durch gierigen Trunk und kamen dann hervor, um jede Abscheulichkeit zu verüben und sich viehischen Lüsten hinzugeben. Die Wohnungen wurden erbrochen und jeder Winkel, jedes Behältniß durchsucht; Kirchen, ja selbst die Grüfte der Toden blieben nicht verschont. An den wenigen zurückgebliebenen Einwohnern wurden ungeheuere Frevel verübt. Die Straßen waren bedeckt mit Dingen aller Art, welche die Plünderer weggeworfen hatten, um neuer reicherer Beute zuzueilen. In den Lagern wurde mit den geraubten Sachen ein ordentlicher Markt gehalten und Jeder hatte das Bestreben sich zu bereichern. Wer Geld hatte, kaufte begierig eine Menge Kostbarkeiten, nicht bedenkend, wie unwahrscheinlich es war, dieselben in Sicherheit zu bringen. Nur Wenige beurtheilten die Lage der Armee richtig und ließen sich nicht zu dieser eiteln Gewinnsucht hinreißen.

Das schrecklichste Schauspiel gewährten die rußischen Spitäler, in denen die schwer Verwundeten zurückgeblieben waren. So wie die Flammen die Gebäude ergriffen,


132
sah man sie, Töne der Verzweiflung ausstoßend, sich die Treppen herunterschleppen, oder zu den Fenstern herunterstürzen. Die wenigen denen es gelang, sich vor dem Feuer zu retten, erlagen dem Hunger und Elend. Mehr als 10000 Verwundete fanden auf diese schreckliche Weise den Tod.

Mitten unter diesen namenlosen Gräueln und Schreckensscenen verließ Napoleon, am 16ten Abends, den Kremlin und gelangte, nicht ohne Gefahr von dem Feuer abgeschnitten zu werden, in das, eine halbe Stunde von der Stadt entfernte Kaiserliche Schloß Peterskoy, wo er sein Hauptquartier nahm.

In der Nacht vom 16ten erhielten die Armee-Corps Befehl, Abtheilungen in die Stadt zu schicken, um sich der noch unversehrten Vorräthe für ihren Unterhalt zu versichern. Von dort an wurde die Plünderung besonnener und methodischer betrieben und weniger gräuelvoll als am ersten Tag. –

Die Feuersbrunst dauerte vom 16ten bis 18ten mit gleicher Heftigkeit; sie verminderte sich am 19ten und erlosch den 20ten, als es ihr nach und nach an Stoff fehlte und ein starker


133
Regen herabstürzte. Der Kremlin, geschützt durch seine hohen Mauern, war unversehrt geblieben; ebenso ein Theil der von den fremden Kaufleuten bewohnten Häuser, gleich wie mehrere Vorstädte. Neun zehntheil der Stadt und mehr als die Hälfte der Kirchen waren aber ein Raub der Flammen geworden. In dem abgebrannten Theil standen nur noch die Mauern der steinernen Gebäude mit ihren Rauchfängen, welche von weitem wie hohe isolirte Säulen aussahen.

Napoleon kehrte am 20ten in den Kremlin zurück. Er ernannte den Marschall Mortier zum Gouverneur von Moskau, und es wurde eine gewiße Art von Ordnung hergestellt, d.h. alle unversehrt gebliebenen Häuser wurden besetzt, Spitäler eingerichtet, dagegen aber den in und um Moskau stehenden Truppen erlaubt, Abtheilungen zur Aufsuchung von Lebensmitteln in die Ruinen der Stadt zu schicken, wo man in den Gewölben und Kellern manches Nützliche fand, was mit den in den Gärten befindlichen Gemüßen, einen gewißen Grad von Überfluß herbeiführte. Man fand auch Leder und Tuch, so daß die sehr abgenutzte


134
Kleidung nothdürtig hergestellt werden konnte.

Die unsichtbare Hand, welche in diesen Verhängnißen waltete, wurde durch nichts deutlicher, als daß gerade die unvollkommene Art wie der große - allerdings nur in diesem Land, wo der Adel über Sclaven herrscht, ausführbare - Gedanke der Zerstörung Moskau's in Erfüllung ging, zum gänzlichen Verderben Napoleon's und seines Heeres ausschlagen mußte. Wäre die Zerstörung vollständig gewesen, so hätte dasselbe nicht in Moskau verweilen, sich aber vor dem Eintritt der schlechten Jahreszeit auf der südlich über Kaluga führenden Straße, wo Überfluß an allen Lebensbedürfnißen war, nach Smolensk zurückziehen können; so aber hoffte Napoleon, von einem Tag zum andern, einen Friedensschluß zu Stand zu bringen, und verweilte so lang, bis uns der Winter nach den ersten paar Märschen, mit all seinen Schrecknißen auf der nemlichen Straße überfiel, die schon auf dem Hinmarsch verheert worden war.

Hieraus geht hervor, daß es überhaupt zweifelhaft bleibt, ob die Zerstörung Moskau's den Untergang der


135
französischen Armee herbeigeführt hat. Wäre die Stadt blos von den Einwohnern verlassen und nicht abgebrannt worden, so hätte die französische Armee viel mehr Hülfsquellen gefunden und Napoleon wäre vielleicht auf den Gedanken gerathen, noch länger, wohl gar den Winter über daselbst zu bleiben; hierzu hätten aber die Mittel nicht ausgereicht, die rußische Armee würde sich immer mehr verstärkt haben und am Ende ein Rückzug ganz unmöglich geworden seyn, denn schon um die Zeit des Einzuges in Moskau fingen die rußischen Streitkräfte im Rücken der Armee an, ein Übergewicht über die daselbst zurückgelassenen Armee-Corps zu gewinnen.

Die Meinungen, ob Moskau in der That durch der Rußen eigne Hand angezündet worden sey, waren früher sehr getheilt, besonders da man aus Politik der rußischen Nation öffentlich kund that, die Franzosen hätten aus Haß die Frevelthat verübt. Kein vernünftiger Mensch wird jedoch bei ruhiger Überlegung glauben, daß Napoleon sich absichtlich der Früchte so vieler Opfer und Anstrengungen


136
beraubt haben würde. – Wenn noch irgend ein Zweifel darüber obwalten könnte, daß Rostopschin Moskau auf eigne Verantwortung und ohne Vorwissen der Regierung hat anstecken lassen, so würde er durch die Thatsache beseitigt werden, daß er lange Zeit in Ungnade im Ausland lebte, als Folge einer Eigenmächtigkeit, deren nützliche Folgen ein Autokrat von Rußland wohl ausbeutet, die er aber selten vergibt. –

Seit der Einnahme von Moskau war wegen der Verlegenheiten die durch die Zerstörung der Stadt entstanden, und weil man im Zweifel blieb, in welcher Richtung sich die Rußen zurückgezogen hatten, ein Stillstand in den militairischen Operationen eingetreten. Am 20ten stand Mürat mit seiner Cavalerie und dem Corps von Poniatoffsky einen Tagemarsch weit auf der Straße nach Riazanow, in welcher Richtung man die rußische Armee vermuthete. Die übrigen Armee-Corps hatten in den Vorstädten und nahe gelegenen Dörfern so gut wie möglich eine Unterkunft gesucht. Die Garden waren mit dem Kaiser in den Kremlin zurückgekehrt, und hatten sich in dessen Umgebung eingerichtet.


137
Während Kutusow sich auf der Straße nach Riazanow zurückzog, hatte er Cavalerie-Abtheilungen auf den Straßen nach Petersburg, Yaroslaw, Wladimir, Tula und Kaluga entsendet, mit dem Auftrag, die französische Armee stets zu beunruhigen und sie dadurch in Zweifel über die von ihm genommene Richtung zu setzen. Am 16ten überschritt er die Moskwa unweit der Einmündung des Flüßchens Pakhra, und wendete sich in einem Winkel rechts, um, durch dieses Flüßchen gedeckt, Krasnaïa Pakhra, auf der alten Straße nach Kaluga gelegen, zu gewinnen. Die entsendeten Cavalerie-Abtheilungen erfüllten ihre Aufgabe so gut, daß der Kaiser sich genöthigt sah, zur Sicherung der Verbindung auf der Operationslinie, mobile Colonnen auf der Straße nach Mojaisk aufzustellen, und daß Mürat erst am 25ten sichere Kunde von der Stellung der rußischen Armee erhielt. Den 28ten zog sich Kutusow zurück und überschritt am 4ten October, in Folge eines heftigen Gefechtes, die Nara, hinter welchem Flüßchen er eine im voraus verschanzte Stellung bezog, das Dorf Tarutino vor der Front. Mürat nahm


138
sein Hauptquartier in Winkowo. Die Stellung der Rußen war gut gewählt: sie deckte die reichen mittäglichen Provinzen und bedrohte zugleich, als Flankenstellung, die Straße nach Smolensk, die einzige Verbindungslinie der französischen Armee mit ihren Reserven. Durch den Rückzug der Rußen bekam Napoleon mehr Luft; er verlegte deshalb auch seine Truppen in einen weitern Umkreis um Moskau und befahl, daß sie sich auf sechs Monate mit Lebensmitteln versehen sollten. Französische, in Moskau zurückgebliebene Comödianten mußten im Kremlin spielen und nach allem zu urtheilen, schien er sich für den Winter einrichten zu wollen.

________

In dem Schlößchen Selosplensky [GWR 2], welches meine Freunde und ich in der Nähe von Borodino zu unserm Aufenthalte gewählt hatten, blieben wir ungefähr acht Tage. Gegen den 20ten kam ein französischer Offizier zu uns und erzählte, daß die Rußen Moskau angezündet hätten, was uns so unwahrscheinlich vorkam, daß wir es gar nicht glauben wollten.


139
Ich hatte meine Kräfte wieder so weit erlangt, daß ich reisen konnte, wir machten uns daher auf den 30 Stunden weiten Weg nach Moskau, der uns das bekannte Bild trauriger Verwüstungen zeigte. Ungefähr sieben Stunden von Moskau kamen wir an einen Edelhof, in welchem eine Abtheilung Garde-Dragoner stand, von der wir erfuhren, daß die Straße sehr unsicher sey und Kosaken einige Tage zuvor eine Fuhrwesensabtheilung überfallen und alles was nicht fortzubringen gewesen wäre, zernichtet hätten. Wir entschlossen uns deshalb, die Nacht in einem Nebengebäude des Schloßes zuzubringen. Am andern Morgen, als wir eben unser frugales Frühstück verzehrten, gab es Lärm, Schüße fielen und Dragoner, von Kosaken verfolgt, sprengten in den Hof. Wir eilten uns in Vertheidigungsstand zu setzen, die Kosaken jagten jedoch auf der andern Seite des Hofes wieder hinaus und verschwanden. Am 26ten September trafen wir, ohne weiter beunruhigt zu werden, in Moskau ein, wo wir die durch den französischen Offizier uns gegebene Nachricht leider bestätigt fanden.


140
Sattler und ich nahmen in der ersten auf unserm Wege gelegenen Vorstadt Besitz von einem Palast des Fürsten Galezyn Apraxin. Derselbe war zwar abgebrannt, ein Theil der untern gewölbten Räume aber unversehrt geblieben. Von außen sah das Gebäude ganz zerstört aus und Schutthaufen erschwerten den Eingang, was jedoch den Vortheil gewährte, daß wir in unsern Gewölben nicht belästigt wurden, welche durch das Abbrennen der obern Stockwerke angenehm erwärmt worden waren. Auch ein Hintergebäude hatte das Feuer verschont, in welchem wir Instrumente zu einem vollständigen Orchester fanden. Nach den Ruinen zu schließen, mußte der Palast äußerst prachtvoll gewesen seyn. Er hatte dem Marschall Lefevre zur Wohnung dienen sollen, wie der mit Kreide an der äußern Mauer angeschriebene Name anzeigte. Wir machten aus unserm Schlupfwinkel täglich Excursionen, in der Absicht uns mit Lebensmitteln zu versehen und Nachricht von unserer Division einzuziehen. Diese war nach dem Brand durch die Stadt marschirt und in einem


141
nahe gelegenen Dorfe untergebracht worden. Einige Tage nach unserer Ankunft in Moskau, wurde ihr ein Theil der vom Feuer verschont gebliebenen deutschen Vorstadt angewiesen, wohin wir uns denn auch begaben.

Unter den wenigen zurückgebliebenen Einwohnern zeichnete sich ein lutherischer Geistlicher als gebildeter Mann aus, der uns in mancher Beziehung nützliche Dienste leistete. Kaffe, Wein und Gemüße hatten wir im Überfluß, sogar Kartoffeln, ein wenigstens damals in Rußland seltenes Gewächs; dagegen wurde der Mangel an Fleisch fühlbar und die Fourage mußte auf drei bis vier Stunden weit geholt werden, wobei oft Scharmützel mit Kosaken und bewaffneten Bauern vorfielen. In dem nahe bei Moskau gelegenen Wildpark schoßen wir uns hin und wieder einen Braten.

Ein widriger durchdringender Brandgeruch lagerte über Moskau; tausende von Krähen erfüllten die Luft mit ihrem abscheulichen Geschrei und man konnte stundenlange Strecken in der Stadt zurücklegen, ohne auf etwas


142
anderes als Aschenhaufen, Schutt und todte Menschen zu stoßen. Solches hinderte mich aber nicht, öfters in diesem Feld der schrecklichsten Verwüstung*) umherzuwandern, theils um die Merkwürdigkeiten, welche das Feuer verschont hatte, zu besichtigen, theils um mich für den Winter mit Kleidung und Pelz zu versehen.

Aus den Magazinen war zwar das Beste genommen, dagegen hatte aber die Kaiserliche Garde in und vor dem Kremlin einen Markt von erbeuteten Sachen eröffnet, wo man für Geld allerlei Brauchbares haben konnte, was ich benutzte, um meine abgerissene Kleidung nothdürftig zu ergänzen.

Nach einiger Zeit bekam ich die Gelbsucht, ein sehr unangenehmes damals ziemlich allgemeines Übel, welches mich verhinderte der Division am 6ten October nach Kupowinka zu folgen, einem großen 12 Stunden von Moskau auf der Straße nach Wladimir gelegenen Dorfe. Hier waren alle Einwohner geblieben und es wurde der strengste Befehl

________
 

*) Fabers Blätter, No 65 bis 76


143
gegeben, sie gut zu behandeln und zu vermögen, unter sicherer Bedeckung Lebensmittel auf den Markt nach Moskau zu bringen, eine Maßregel welche wenig Erfolg hatte.

Die Bauernhäuser in der Umgegend von Moskau waren den Schweizerhäusern ähnlich, viel besser construirt als die welche wir bis dahin gesehen hatten und mit Glasfenstern, Stubenböden und Öfen versehen, auch ziemlich reinlich. Die Bauern trugen Kittel von Schafpelzen und Pelzmützen. Die Füße hatten sie mit wollnen Lappen bis über die Waden herauf umwickelt und bedienten sich, anstatt der Schuhe, eines selbst verfertigten Geflechtes von Baumrinde und Bast. Die Sommertracht bestand in leinenen Beinkleidern, über welche das Hemd herunter hing und in der Mitte des Körpers mit einem Gürtel befestigt war.

Das männliche Geschlecht konnte beinahe durchgängig schön und kräftig genannt werden; unter dem weiblichen Geschlecht dagegen, sah man wenig hübsche Gesichter.

________

Die französische Armee lebte in den rauchenden Trümmern


144
Moskau's in mancher Beziehung im Überfluß; an Fleisch und Fourage mangelte es aber täglich mehr. Besonders fühlbar war dieses bei den entsendeten Heeresabtheilungen, namentlich der den Rußen gegenüber stehenden Avantgarde. Der Unterhalt für Menschen und Pferde mußte in weit ausgedehnten Fouragirungen von den bewaffneten Bauern in täglich vorfallenden kleinen Gefechten erkämpft werden, wodurch der Haß und die Rachgier der Nation immer mehr angefacht, das französische Heer aber erschöpft und geschwächt wurde, während die mit allem reichlich versehene rußische Armee sich ausruhte und durch eintreffende Verstärkungen ihre Lücken ausfüllte. Klüglich ließ jedoch der schlaue Kutusow die Franzosen durch die ungünstigsten Nachrichten über den Zustand seiner Armee täuschen, um den Kaiser zu einem längern Verweilen in Moskau zu verleiten und uns, durch das Klima unterstützt, einem desto sicherern Untergange entgegen zu führen.

Es konnte indessen dem Kaiser nicht entgehen, daß der Enthusiasmus für die Rettung des Vaterlandes in den


145
Herzen der Rußen von allen Ständen in immer höhern Flammen empor loderte; daß die Geistlichkeit den Haß des Volkes zur heißen Glut anblies und daß der Kampf immer mehr die grauenvolle Gestalt des wüthendsten Religionskrieges gewann. – Rußische Parteigänger umschwärmten das Heer von allen Seiten und beunruhigten seine Verbindungen auf eine sehr fühlbare Weise. Selbst die ganz nahe an Moskau liegenden Truppen waren vor ihren Streifereien nicht sicher. – Napoleon schien endlich das Gefahrvolle seiner Lage einzusehen; da er sich nun auch in seiner Erwartung getäuscht sah, daß ihm die Rußen Friedensvorschläge machen würden, so gewann er es über sich, seinen Adjutanten, den General Lauriston, am 4ten October an Kutusow zu schicken, mit dem Auftrag, einen Waffenstillstand anzubieten und Friedensunterhandlungen anzuknüpfen. Der alte Marschall empfing Lauriston zwar artig, verweigerte aber sowohl den Waffenstillstand, als die gewünschte Erlaubniß zur weitern Reise nach Petersburg, wogegen er es übernahm, seinen Kaiser von


146
den gemachten Eröffnungen in Kenntniß zu setzen. – Napoleon ließ sich durch die Hoffnung, daß diese nicht ohne Erfolg bleiben würden, verleiten noch länger in Moskau zu verweilen; als aber am 13ten noch immer keine Antwort eingetroffen war, schickte er Lauriston noch einmal an Kutusow und beschloß zugleich den Rückzug. Die Armee wurde in Moskau und der Umgegend conzentrirt. Am 16ten kam Lauriston zurück. Die Nachrichten welche er brachte, mochten den Kaiser endlich über die wahren Absichten der Rußen die Augen geöffnet haben, denn der Abmarsch wurde auf den 19ten festgesetzt.

Den 18ten hielt der Kaiser im Kremlin Revue über das 3te Armee-Corps. Er ernannte den Generallieutenant von Scheler zum Grafen des französischen Reiches, mit einer Dotation von 20000 Franken jährlicher Revenue und zum Commandanten der Ehrenlegion, verlieh auch an mehrere Offiziere Orden. Unter anderem erkundigte er sich, wie viele Jäger noch da wären, welche der Schlacht von Eckmühl im Jahr 1809 angewohnt hätten, in der sich dieses Corps bekanntlich


147
ausgezeichnet hatte. Es waren ihrer noch drei. – Niemand verstand es so wie er durch Fragen, Belobungen und Belohnungen die Herzen der Soldaten zu gewinnen und sie in den schwierigsten Lagen zur Begeisterung zu steigern.

Am 18ten October griffen die Rußen den König von Neapel an und vertrieben ihn mit bedeutendem Verlust aus seiner Stellung, der zu einer vollständigen Niederlage hätte gebracht werden können, wenn die ganze Armee zur Verwendung gekommen wäre. Man hat behauptet, daß Kutusow den General Benningsen, welcher den Angriff leitete, absichtlich nicht hinlänglich unterstützt habe. –

Auch im Rücken der Armee gestalteten sich die Verhältniße immer ungünstiger und machten einen schnellen Aufbruch dringend nöthig. Der Kaiser von Rußland, von dem traurigen Zustand der französischen Armee unterrichtet, hatte beschloßen, keinen Frieden anzunehmen, weil er voraussah, daß dieselbe noch vor dem Eintritt des Winters genöthigt seyn würde, den Rückzug anzutreten. Wittgenstein, Steinheil und Tschitschakow


148
wurden angewiesen, sich im Rücken der französischen Armee zu vereinigen und ihr den Weg über die Berezina und Ula zu sperren.

________



Anmerkungen der Artikel Redaktion im GenWiki:

  1. Im Original nachträglich eingefügt.
  2. Der Name des Schlößchens wurde von gleicher Hand übergeschrieben.