Tage-Buch von 1812/Abschnitt VII

Aus Baumbach-Archiv
Zur Navigation springen Zur Suche springen


149
Abschnitt VII.
Übersicht der Begebenheiten bei den im Rücken der Armee stehen gebliebenen Corps bis zu Ende Oktober. Abmarsch von Moskau. Gefecht bei Malo-Jaroslawets. Napoleon beschließt über Wiazma nach Smolensk zu marschiren.
--------

In dem 3ten Abschnitt ist erwähnt worden, daß in Wolhinien der Fürst Schwarzenberg gegen Tormasow stehen geblieben war; daß der Marschall Oudinot bei Polotsk die Ufer der Düna gegen Wittgenstein schützen sollte und daß der Marschall Macdonald den Auftrag erhalten hatte, Riga zu erobern.

Der König von Westphalen hatte die Sachsen unter Reynier gegen Tormasow stehen gelassen und Schwarzenberg war von Napoleon befehligt worden, zu der großen Armee zu stoßen; auf die Nachricht, daß die Sachsen am 27ten July geschlagen worden seyen, kehrte er jedoch um und eilte Reynier zu Hülfe. Am 3ten August vereinigten sich beide Corps bei


150
Slonim. Napoleon übertrug an Schwarzenberg den Oberbefehl, welcher hierauf die Rußen in mehreren Gefechten schlug und sie nöthigte, am 7ten September über den Styr zurückzugehen. Schwarzenberg blieb am linken Ufer dieses Flußes stehen und gab den fernern Angriffskrieg auf, weil Admiral Tschitschagof mit der, durch den Friedensschluß mit den Türken verfügbar gewordenen, Moldau-Armee im Anmarsch war. In der Mitte September vereinigten sich beide rußische Armeen und erlangten dadurch eine Stärke von 60,000 Mann, welchen Schwarzenberg kaum 36,000 entgegen stellen konnte, was dann auch zur Folge hatte, daß er sich, mehr auf seine Erhaltung als auf die Deckung der französischen Rückzugslinie bedacht, nach mehreren Gefechten, in den ersten Tagen vom Oktober hinter den Bug zurückzog, wo er sich mit abwechselndem Glück behauptete.

Zugleich mit der längst erwarteten Kunde von der Räumung Moskau's, erhielt Tschitschagof Befehl, den kleinern Theil seines Heeres gegen Schwarzenberg stehen zu lassen, mit dem größern Theile aber über Minsk nach


151
der Berezina vorzurücken, um dem von Moskau kommenden Feinde den Rückzug über den Fluß zu versperren. Dem zu Folge beauftragte er Ende October den General von Sacken mit 25000 Mann Schwarzenberg im Schach zu halten und brach mit 35000 Mann nach Minsk auf.

Mit Oudinot hatten sich die Baiern vereinigt, dessen Streitkräfte dadurch auf 50000 Mann anwuchsen. Ihm hatte Wittgenstein anfänglich nur 24000 Mann entgegen zu stellen. An den Tagen vom 30ten July bis 1ten August bestand ein Theil des Oudinotschen Corps Gefechte bei Jakubowo und an der Drissa. In den beiden ersten waren die Rußen, in dem letzten aber die Franzosen Sieger. Am 16ten August hatte Oudinot sein noch 40000 Mann starkes Corps bei Polotsk versammelt. Wittgenstein griff dasselbe mit 30000 Mann an, wurde aber zurückgewiesen. Der verwundete Oudinot übergab den Oberbefehl an den General Gouvion St. Cyr, welcher die Rußen am 18ten schlug und dafür zum Marschall ernannt wurde. Den September über kam hier nichts


152
Wichtiges mehr vor. – Zu Anfang October erhielt Wittgenstein Verstärkungen, welche seine Armee auf 40000 Mann brachten, während ihm St. Cyr nur 30000 Krieger entgegen stellen konnte, welche durch Mangel und Entbehrungen aller Art sehr entkräftet waren. Am 18ten October griff Wittgenstein das verschanzte Polotsk an, wurde aber zurückgeschlagen. In der Nacht vom 19ten auf den 20ten räumten die Franzosen die in Flammen gerathene Stadt, gingen über die Düna und zerstörten die Brücke. Ein erst vor Kurzem aus Finnland eingetroffenes, von Riga auf dem linken Dünaufer anrückendes Corps unter dem General Steinheil, hatte, 10000 Mann stark, diesen Angriff unterstützt, war aber von Wrede mit bedeutenem Verlust geworfen und dadurch der Rückzug der Franzosen gesichert worden.

St. Cyr nahm seine Richtung nach Lepel, um sich dem 9ten Armee-Corps unter Victor zu nähern. Dieser war am 1ten September mit 25000 Mann bei Kowno über den Niemen gegangen und am 14ten in Minsk


153
angekommen. Er hatte den Befehl, nach Smolensk zu ziehen und einestheils dem Hauptcorps als Reserve zu dienen, anderentheils St. Cyr zu unterstützen. Sein Anmarsch zog den General Dombrowsky, welcher gegen Bobruysk und den General Hertel stehen geblieben war, aus großer Verlegenheit, indem sich derselbe vor dem überlegen gewordenen Feinde bereits bis Swislocz an der Berezina hatte zurückziehen müßen.

Am 30ten vereinigte sich St. Cyr in Czacznicky an der Ula mit Victor, worauf dieser den Oberbefehl übernahm. Die Baiern waren nach Danilowicze marschirt, um Wilna zu decken.

Wittgenstein hatte den Befehl erhalten zu dem großen Plane: die französische Armee an der Berezina einzuschließen, mitzuwirken, und ließ daher die Baiern blos beobachten, während er sich mit seiner Hauptmacht gegen Victor wendete.

Marschall Macdonald hatte zu Anfang August Dünaburg besetzt und ließ die Festungswerke schleifen;


154
die übrigen Truppen beobachteten Riga, die Ankunft des Belagerungsgeschützes erwartend. Bis zu der Mitte September waren daselbst nur unbedeutende Gefechte vorgefallen, weil Macdonald Riga nicht einschließen konnte, so lange Wittgenstein noch in der Nähe der Düna stand. Ende September erhielten die Rußen Verstärkung und machten einen Versuch, den inzwischen angekommenen Belagerungspark wegzunehmen; sie wurden aber von den Preußen mit großem Verlust zurückgeschlagen und genöthigt nach Riga zurückzukehren. Macdonald verlegte hierauf sein Hauptquartier nach Mitau und beschränkte sich darauf Kurland zu behaupten.

________

Auf die Nachricht, daß Mürat am 18ten October geschlagen worden sey, brach Napoleon am 19ten mit der ganzen Armee gegen Kaluga auf. Nur Mortier blieb mit der jungen Garde und 4000 unberittenen Cavaleristen in Moskau zurück. Er erhielt den Befehl den Kremlin zu besetzen und den Einwohnern in einer Proklamation kund


155
zu thun, daß die Armee nach Kaluga und Tula marschire, um sich dieser Städte zu bemächtigen und daß Moskau nicht verlassen werde. Mittlerweile waren aber die transportabeln Kranken und Verwundeten über Mojaisk nach Smolensk zurückgeschickt und nur was nicht fortgeschafft werden konnte, in dem großen Findelhause untergebracht worden. Auch die sogenannten Trophäen hatte man unter starker Bedeckung auf der Straße nach Mojaisk zurückgehen lassen. Diese Trophäen bestanden in merkwürdigen Gegenständen, welche, im Kremlin und in verschiedenen Kirchen geraubt, bestimmt waren, in Paris als Siegeszeichen aufgestellt zu werden. Unter ihnen befand sich das große mit vieler Mühe herabgenommene Kreutz der heiligen Iwans-Kirche, welches die Kuppel des Pariser Invaliedenhauses zieren sollte. –

Aber schon am 20ten erhielt Mortier den Befehl den Kremlin zu miniren und im Augenblick des, für den 23ten angeordneten, Abzuges, in die Luft zu sprengen.

Die Stärke der ganzen Armee wird bei dem


156
Abmarsche von Moskau auf 104000 Mann angegeben,*) unter denen nicht weiter als 15000 schlecht berittene Cavaleristen begriffen waren. Ungefähr 600 mit ermatteten Pferden, nothdürftig bespannte Geschütze und unermeßliche Züge von Wagen, Karren, Kibitken und Droschken erschwerten den Marsch der Armee. In jedem unbedeutendem Defile verursachten dieselben Stockungen und ermüdeten die Truppen unnöthigerweise. Vom General bis zu der Marketenderin herab wollte keiner seinen Raub im Stiche lassen und der strenge Befehl des Kaisers, das Gepäck zu vermindern, wurde auf alle Weise umgangen. Dazu kamen eine Menge in keinen Spitälern gewesene Kranke und Verwundete, welche sich über die wahre Lage der Dinge nicht täuschten und lieber ihren Regimentern folgen als in Moskau bleiben wollten. Auch schloßen sich viele der fremden Einwohner, welche die Stadt bei unserer Ankunft nicht verlassen hatten, der Armee an, aus Furcht

________
 

*) Chambray, 2ter Band, Seite 79


157
von den zurückkehrenden Rußen mißhandelt zu werden. Dieser Zug gewährte einen höchst bizarren Anblick, der von dem Oberstlieutenant von Faber in seinen Blättern gut dargestellt worden ist.*)

Napoleon hatte die Absicht die Rußen, von welchen Mürat nach dem Gefecht vom 18ten nicht verfolgt worden war, in ihrer Stellung bei Tarutino zu umgehen, indem er sich über Borowsk und Malo-Jaroslawets nach Kaluga wendete, und wollte suchen diese letztere Stadt vor ihnen zu erreichen, wodurch er eine neue durch fruchtbare nicht verwüstete Gegenden führende Rückzugslinie nach Smolensk erhalten haben würde. – Die Armee rückte dem zu Folge auf der alten Straße nach Kaluga vor, überschritt die Pakhra bei Gorki und wendete sich, nach der Vereinigung mit dem Corps unter Mürat, rechts nach Fominskoïe, um die neue Straße nach Kaluga zu gewinnen. Unser Armee-Corps bildete bei diesem Seitenmarsch die Nachhut und folgte nur langsam der Haupt-Armee,

________
 

*) Fabers Blätter No 76


158
um den Feind möglichst lang in Ungewißheit über die Richtung des Marsches zu erhalten. Am 23ten erreichte das Gros der Armee Borowsk, die Vorhut des Vice-Königs von Italien aber Malo-Jaroslawets.

Kutusow, dessen Armee auf 110000 Mann angewachsen war, bei der sich eine zahlreiche Cavalerie befand, erfuhr erst am 23ten die wahre Richtung welche Napoleon eingeschlagen hatte, was ihn veranlaßte, sogleich aus seinem Lager bei Tarutino aufzubrechen. Seine Vorhut erreichte am 24ten in der Frühe Malo-Jaroslawets und griff die Stadt sofort an. Von beiden Seiten wurden immer mehr Truppen ins Gefecht gebracht, welches sich den ganzen Tag über in dem Städtchen bewegte. Die Franzosen blieben am Ende Herr in demselben und die Rußen zogen sich auf eine kurze Entfernung in der Richtung von Kaluga zurück. Das Gefecht war sehr hartnäckig gewesen und hatte einem jeden der streitenden Theile gegen 5000 Mann gekostet.

Am 25ten Morgens wurde die Escorte Napoleons, als sich derselbe nach Malo-Jaroslawets begeben wollte, durch einen


159
großen Schwarm Kosaken unter dem Hettmann Platow überfallen und geworfen. Napoleon war in großer Gefahr gefangen zu werden, aus der ihn die herbeieilende Cavalerie der Garde rettete.

Der Kaiser fand die rußische Armee so stark und in so guter Verfassung, daß er, trotz des mühsam errungenen Sieges, den Gedanken aufgab, die Straße von Kaluga nach Smolensk zu gewinnen, was, dem Anschein nach, nicht möglich gewesen wäre, ohne eine Hauptschlacht zu liefern, deren Verlust den Untergang des ganzen Heeres hätte herbeiführen müßen. Es blieb also nur die Heerstraße über Mojaisk und Wiazma nach Smolensk einzuschlagen übrig, eine Strecke über 40 Meilen, auf der alles verwüstet war! – Hätte Napoleon gewußt, daß sich die Rußen unbegreiflicherweise auf der Straße nach Kaluga zurückzogen, was selbst von rußischen Schriftstellern*) als ein großer Fehler bezeichnet wird, indem sie dadurch den Franzosen den Weg über Medyne nach

________
 
*) Boutourlin, 2ter Band, Seite 168

160
Smolensk offen ließen, so wäre es noch Zeit gewesen den ursprünglichen Plan wenigstens theilweise auszuführen, so aber wurde am 26ten der schauderhafte Weg nach Mojaisk eingeschlagen. Am 29ten stand die ganze Armee auf der großen Straße zwischen Mojaisk und Gjatsk vereinigt.

Zu der würtembergischen Division waren den Tag vor ihrem Ausmarsche aus Moskau 1000 Genesene aus den rückliegenden Spitälern gestoßen, wodurch sie, alles zusammengenommen, wieder 2300 Mann stark wurde. Wir marschirten mit dem 9ten Armee-Corps, dem, wie bereits erwähnt, die Nachhut der Armee übertragen worden war, nach Rudnewo und erreichten am 25ten Borowsk. Am 26ten erfolgte ein Angriff von dem Corps des Generals von Winzingerode von der Seite von Moskau her, welcher jedoch abgewiesen wurde*). Es war indessen unverkennbar, daß sich die Kosaken, durch die auf der Straße zurückgelassenen Spuren unseres kläglichen Zustandes ermuthigt, weit dreister benahmen,

________
 

*) Fabers Blätter No 78


161
als zu Anfang des Feldzuges. Bei dieser Gelegenheit that die würtembergische Artillerie ihren letzten Kanonenschuß in diesem Feldzuge.

Die Märsche gegen Kaluga und zurück nach Mojaisk waren auf den schlechten Seitenwegen sehr verderblich für die französische Armee gewesen. Das sehr schöne Wetter bei dem Abmarsch von Moskau änderte sich am 22ten in einen kalten feinen Regen, was die Wege sehr verschlimmerte und für die Artillerie große Verluste an Pferden herbeiführte. In Borowsk mußte der würtembergische Reserve-Park aufgelöst werden. Die Munitionswagen wurden zerstört und die Pferde an die Kanonen gespannt, und doch mußten schon am folgenden Tage zwei 12 Pfünder aus Mangel an Pferden zurückgelassen werden; so blieben auch schon hier Hunderte von Wagen stehen, über welche die Kosaken, gleich Raubvögeln, gierig herfielen.

Marschall Mortier hatte am 23ten October den Kremlin gesprengt, was ihm jedoch nur theilweise gelungen war, Moskau geräumt und den Weg nach Wereja eingeschlagen, wo er,


162
ohne Verluste erlitten zu haben, zur Armee stieß.

Am 22ten war der rußische General Winzingerode in Moskau unvorsichtigerweise zu weit vorgedrungen und mit seinem Adjutanten gefangen worden. In Wereja[GWR 1] wurde er vor den Kaiser geführt, der ihn sehr hart anließ und einen Verräther schalt, indem er als Unterthan des Königs von Westphalen den Rußen nicht dienen dürfe. Winzingerode antwortete unerschrocken und eines deutschen Edelmannes würdig. Der Kaiser, sehr aufgebracht, befahl daß er nach Kassel transportirt und vor ein Kriegsgericht gestellt werden solle; ein glücklicher Zufall wollte jedoch daß er in einem Wald zwischen Minsk und Wilna von dem Streifcorps des Gerenals Czerniczef befreit wurde.

________

Ich hatte mich, dem allgemeinen Beispiele folgend, in Moskau so gut als möglich für den vorauszusehenden Rückzug eingerichtet. Seit der Schlacht von Mojaisk war ich bei keiner Truppe eingetheilt und deshalb weniger gebunden. Ich besaß eine hübsche Droschke, auf der möglichst viele


163
Lebensmittel aufgepackt worden waren, auch hatte ich mich auf dem Markt, den die Kaiserliche Garde vor dem Kremlin mit geraubten Gegenständen hielt, gerade nicht mit ordonanzmäßiger aber doch mit warmer Kleidung versehen; auf diese Weise hoffte ich, wenigstens für einige Zeit, gegen Mangel geschützt zu seyn. Aber schon nach wenigen Tagen konnten die kleinen Pferde die Droschke nicht mehr fortbringen; ich mußte sie stehen lassen und war auf zwei ermattete Pferde beschränkt. Von da an blieb ich bei den Überresten des 2ten combinirten Bataillons, bei welchem Freund Wildermuth fortwährend den Dienst als Adjutant versah. Jeder von uns nahm zwei Soldaten zu sich und der Corporal Rösch und seine Frau bildeten den Rest der kleinen Menage. Der Mann war unbedeutend, die Frau ein wahrer Dragoner, uns aber in der damaligen Lage von unendlichem Nutzen. In Garnison hatte sie stets Händel mit anderen Weibern, was ihr öfters Strafen zuzog, mit dem Beginn des Feldzuges traten aber ihre Lichtseiten hervor, indem sie, mit


164
viel natürlichem Verstand und einem kräftigen gesunden Körper begabt, als Marketenderin unermüdlich für Offiziere und Soldaten sorgte. Ein männliches Seitenstück war der Bediente meines Freundes Wildermuth, der Soldat Geiger: roh und händelsüchtig hatte er schon oft den Stock fühlen müßen, in den Zeiten der Entbehrung war er aber für seine Compagnie ein wahrer Schatz gewesen, indem sie oft seiner Intelligenz die Herbeischaffung von Lebensmitteln verdankte. Bei seinem sehr rohen Charakter zeigte er doch eine treue Anhänglichkeit an meinen Freund und mich, von der ich später mehrere Beispiele anzuführen Gelegenheit finden werde.

________



Anmerkungen der Artikel Redaktion im GenWiki:

  1. Im Original in lateinischer Schrift.