Tage-Buch von 1812/Abschnitt VIII

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Abschnitt VIII.
[GWR 1]
Marsch über Mojaisk nach Wiazma; Gefecht daselbst. Folgen, welche dieses Gefecht auf den Zustand der Armee hatte. Marsch nach Dorogobuy. Beginn des Winters. Schreckliche Einwirkung deßelben auf die Armee. Marsch nach Smolensk Meine Lage in diesem Zeitabschnitte.
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Napoleon fürchtete daß die russische Armee ihren Weg direct auf Smolensk, oder doch auf Wiazma einschlagen und ihm an dem einen oder dem andern dieser beiden Orte zuvorkommen möchte, weshalb er mit seiner Garde möglichst schnell vorausmarschirte und schon am 31ten Oktober Wiazma erreichte, während Davoust, der die Nachhut befehligte, noch bei Gridnewo, jenseits Gjatsk sich befand. Kutusow erfuhr den 27ten den Rückzug des französischen Heeres und beschloß sich direct nach Wiazma


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zu wenden. Wenn es ihm auch nicht gelang, dort früher einzutreffen, so war diese Bewegung doch geeignet, eine Beschleunigung des Rückzuges zu bewirken, was bei dem schlechten Zustand der französischen Armee jedenfalls unheilbringend für sie seyn mußte. Seine, aus 2 Corps Infanterie und 2 Corps Cavalerie bestehende Avant-garde befehligte der General Miloradowitsch.

Das 3te Armee-Corps traf am 1ten November in Wiazma ein und nahm rechts von der Stadt eine Stellung hinter dem Flüßchen gleichen Namens, in der es den 2ten verweilte, um das Eintreffen der Corps von Eugen, Poniatowsky und Davoust abzuwarten und alsdann, auf Befehl des Kaisers, die Nachhut der Armee zu übernehmen. Eugen und Poniatowsky hätten am 2ten in Wiazma eintreffen können, blieben jedoch in Fedorowskoïe, um den Marschall Davoust zu unterstützen. Dieser wurde am 3ten, bei dem Marsch durch genanntes Dorf, von Miloradowitsch angegriffen und stark gedrängt; seine Truppen kamen in Unordnung und wurden in große Verlegenheit


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gerathen seyn, wenn nicht Eugen zu ihrer Hülfe herbeigeeilt wäre.

Während sich diese Corps gegen Miloradowitsch schlugen, wurde die über den Bach Ulitza vorgeschobene Vorhut des 3ten Armee-Corps von der Cavalerie des Generals Ouwarof angegriffen, welchen Kutusow, der bereits bis Bykowo vorgerückt war, vorausgeschickt hatte, um bei seiner Avant-garde mitzuwirken. Die Angriffe dieser Cavalerie wurden jedoch von dem provisorischen 1ten Württembergischen Bataillon und dem Rest unserer Reiterei zurückgewiesen, die Stellung hinter der Ulitza behauptet und somit der Rückzug des 1ten, 4ten und 5ten Corps durch Wiazma gesichert, der unter stetem Kampfe mit den hart drängenden Russen Nachmittags erfolgte und bis in einen rückwärts liegenden großen Wald fortgesetzt wurde, worauf der Marschall Ney mit Einbruch der Nacht die Nachhut übernahm.

Es wird dem Kaiser Napoleon der Vorwurf gemacht*)

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*) Chambray, 2ter Theil, Seite 135.

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diesem Gefechte nicht persönlich angewohnt, oder doch einem der Marschälle die Leitung des Ganzen übertragen zu haben, indem dieselben nicht einig unter sich gewesen seyn sollen, wie solches meistens bei Abwesenheit des Kaisers der Fall war.

Der Verlust der Franzosen wird auf 6000 Mann angegeben, unter denen 2000 Gefangene, zum größern Theil Nachzügler. Unser Verlust war an und für sich sehr empfindlich, er wurde es aber durch die Folgen des Gefechtes noch weit mehr, indem dasselbe auf die Mannszucht der in einem hohen Grade erschöpften Soldaten die nachtheiligste Einwirkung ausübte.

Auf dem Marsch von Borowsk bis Mojaisk fehlte es nicht an Fourage und auch Lebensmittel fanden wir noch, wenn auch spärlich. Das Wetter war ziemlich schön, und begünstigte den Marsch, wogegen die Nächte anfingen empfindlich kalt zu werden. Mit dem Eintreffen auf der verheerten Hauptstraße wuchs aber das Elend in einem hohen Grade: die von Moskau mitgenommenen Vorräthe


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waren aufgezehrt und auf der Straße war alles verwüstet; um Lebensmittel zu finden, mußten Abtheilungen weit abseits der Straße entsendet werden, was die Mannschaft sehr ermüdete und fortwährend der Gefahr aussezte, von den Cosaken oder den bewaffneten Bauern gefangen zu werden, deren Haß durch die von dem Kaiser befohlene Maßregel: daß die Nachhut alle Ortschaften den Flammen preißgeben solle, noch mehr angefacht wurde. Zu der Regel kam die Nachhut auch so spät in der zu nehmenden Stellung an, daß eine Entsendung zum Aufsuchen von Lebensmitteln unmöglich wurde; wir waren daher bereits bei Gjatsk genöthigt, unsere Zuflucht zu dem Fleisch gestürzter Pferde zu nehmen, deren täglich Tausende an Hunger und Erschöpfung umkamen. Der Mangel an Transportmitteln vermehrte sich dadurch mit jedem Tage. Wer krank wurde, blieb in der Regel zurück und fiel dem Feinde in die Hände. Um sich zu erleichteren, warfen die maroden Soldaten Gepäck und Waffen weg. Täglich wuchs die Zahl dieser Unglücklichen,


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von denen die Meisten auf der Straße vor Elend umkamen oder gefangen wurden. Was von Pferden aufzubringen war, wurde an die Artillerie abgegeben und doch mußten, auf dieser Strecke schon Pulverwagen in die Luft gesprengt, ja selbst Kanonen stehen gelassen werden, welche man vernagelte, oder in Bäche, Sümpfe u.s.w. versenkte. Am 3ten November mußte das noch 57. Mann starke 4.te JägerRegiment zu Pferd, 40. seiner besten Pferde an die Artillerie abgeben und war von da an als aufgelöst zu betrachten.

Der Weg hatte uns über das Schlachtfeld von Mojaisk geführt. Die Toden, deren Verwesung durch die Kälte zurückgehalten worden war, bedeckten nach wie vor den Boden, auf dem man so verzweifelt gekämpft hatte. Dieser gräßliche Anblick machte aber wenig Eindruck auf uns; hart geworden durch vieles Leiden und fortwährendes Elend blieb nur das Gefühl der Selbsterhaltung, welches uns antrieb, in stumpfer Gleichgültigkeit vorwärts zu eilen.

In Mojaisk und dem Kloster Kolotskoï fanden wir


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noch viele Verwundete, von denen der größte Theil, aus Mangel an Transportmitteln, der sehr zweifelhaften Großmuth des Feindes überlassen werden mußte. Nicht besser ging es den Meisten von denen, welche mitgenommen wurden, denn sie unterlagen bald vor Hunger und Elend, oft auf die grausamste Weise von ihren eigenen Landsleuten verlassen, welche lieber die Beute Moskaus retten, als diesen Unglücklichen beistehen wollten. Das gräßlichste Loos war aber den russischen Gefangenen vorbehalten: Wer von ihnen aus Ermattung zurückblieb, wurde in der Regel von der Wache erschossen oder erschlagen. An eine Verpflegung der Unglücklichen war nicht zu denken, fand doch die Escorde kaum etwas zu leben. Man schleppte ihnen gewöhnlich in die Scheunen, in die sie Nachts eingesperrt wurden, einige gestürzte Pferde, von deren Fleisch sie kümmerlich ihr elendes Leben fristeten. Viele starben in diesen Nachtlagern und nicht selten fand man, daß die Wirkungen des Hungers die Überlebenden zu dem fürchterlichen Entschlusse getrieben hatte, ihre gestorbenen Cameraden anzunagen. –


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Den 4ten November sezte die Armee ihren Marsch fort. –

Die Nachhut lagerte bei Semlewo, nachdem sie fortwährend durch Schwärme von Cosaken beunruhigt worden war. –

Den 6ten kam das 3te Armee-Corps bis Dorogobuy.

In der Nacht vom 4ten auf den 5ten nahm die Kälte zu und in der vom 6ten auf den 7ten fing es so heftig an zu schneien, daß in kurzer Zeit die Erde mit schuhhohem Schnee bedeckt war. Das allgemeine Elend und, als Folge hiervon, die Auflösung der Armee vermehrte sich hierdurch in einem hohen Grade. Die Straße wurde bald so glatt wie ein Spiegel. Das unbedeutendste Defilee, die geringste Anhöhe verursachten den größten Aufenthalt. Die abgematteten nicht geschärften Pferde konnten nur mit unendlicher Anstrengung und Aufopferung der Mannschaft, Kanonen und Wagen fortbringen. Wenn schon in einem Engweg ein einziger umgeworfener Wagen für die Nachfolgenden einen Zeitverlust verursacht, wie viel mehr war es hier der Fall, wo die verlassenen Kanonen und Wagen zu Hunderten auf


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der Straße standen.

Als Nahrung auf diesem schrecklichen Marsch hatte man nur Pferdefleisch. Der Hunger war so groß, daß, wenn ein Pferd stürzte, die grausamen Menschen sich nicht die Mühe gaben, es zu tödten; gierig fielen sie über das noch lebende Thier her um sich der besten Stücke seines magern Fleisches zu bemächtigen. Oft kam es vor, daß ein armes Thier vor Schmerz die lezten Kräfte zusammenraffte, aufsprang, und noch eine Strecke weit mit zerfleischtem Körper fortrannte.

Die Straße war mit den in Moskau geraubten Gegenständen übersät, von denen nur Kleidungsstücke Werth hatten, auch bedeckte sich ein Jeder mit dem Ersten Besten, was ihm einigen Schutz vor der Kälte gewährte, woraus dann die wunderlichsten Aufzüge entstanden. Die Zahl der Nachzügler vermehrte sich stündlich und die Armee bestand größtentheils nur noch aus einer verwirrten Maße von Menschen aller Waffen und Nationen. Der Anblick der Straße war schrecklich; sie war bedeckt mit todten Menschen


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und Pferden, mit Unglücklichen, die sie kaum noch fortschleppen konnten und bald ein Opfer ihrer Wunden, des Hungers und Elendes werden sollten. Aus dem Trieb der Selbsterhaltung entsprang der höchste Grad von Selbstsucht und Härte. Soldaten beraubten ihre noch lebenden Kameraden der Kleidungsstücke. Die Stelle wo die Nacht gelagert worden war, glich am andern Morgen einem Schlachtfelde. Die todten Menschen und Pferde wurden oft wieder frisch überschneit und bildeten kleine Erhöhungen; die Armee schien von der Natur mit einem großen Leichentuche bedeckt worden zu seyn.

Oberstlieutenant von Faber hat in seinen Blättern diese schreckliche Lage darzustellen gesucht*)[1]. Seine Bilder sind zwar sehr getreu, können aber doch nur einen unvollkommenen Begriff von der Wirklichkeit geben. –

Von Dorogobuy aus hatte das 4.te Armee-Corps unter Eugen die Straße über Dukhowtchina nach Witebsk eingeschlagen,


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während der übrige Theil der Armee auf dem geraden Wege nach Smolensk blieb. Dem Hetmann Platow mit seinen Kosaken wurde die Verfolgung des 4.ten Corps übertragen, während Miloradowitsch am 7.ten das 3.te Corps bei Dorogobuy angriff und hart drängte. Am 8.ten verließ er die unwirthliche Straße um sich der russischen Haupt-Armee zu nähern und übertrug unsere Verfolgung einigen Regimentern leichter Reiterei, welche am 8.ten beim Ueberschreiten des Dniepers bei Solowiewo einen Angriff auf die Nachhut machten, bei dem sie jedoch nichts als stehengebliebene Kanonen und Wagen erbeuteten und einige Nachzügler zu Gefangenen machten.

Von den 30. württembergischen Kanonen wurden nur 12. über den Dnieper gebracht, die übrigen 18. hatte man bereits stehen lassen müssen. Die französische Artillerie war in einem noch schlimmern Zustande, denn im Allgemeinen verwendet der Deutsche mehr Sorgfalt auf die Erhaltung seiner Pferde. Zu der Ueberschreitung des Dniepers brauchte es einen ganzen Tag und erst am 13.ten


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trafen die elenden Reste des 3.ten Armee-Corps in Smolensk ein, woselbst das württembergische Hauptquartier bereits am 11.ten angekommen war.

Das 4.te Armee-Corps hatte unter vielen Beschwerden am 9.ten den Wop erreicht und mußte durch dieses Flüßchen waten, indem die geschlagene Brücke durch das Wasser zerstört worden war und Platow stark drängte. Am 10.ten erreichte dasselbe, im höchsten Grad erschöpft, Doukhowtchina, nachdem es den größten Theil seiner Artillerie, sein ganzes Gepäck und viele Gefangene verloren hatte. Der Vicekönig mußte am 11.ten seinen Truppen einen Rasttag gewähren und erreichte am 13.ten Smolensk. Den Weg nach Witebsk hatte er nicht fortsetzen können, weil inmittelst die Nachricht eingetroffen war, daß diese Stadt von einem Theil des Wittgensteinischen Corps besezt worden sey.

Kutusow hatte, nach dem Gefecht von Wiazma, die Hauptarmee den, parallel mit der großen Straße laufenden, Weg über Jelnia nach Krasnoy einschlagen lassen. Es ist ihm der Vorwurf gemacht worden, daß


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er seinen Marsch nicht mehr beschleunigt habe, um mit seiner ganzen Armee in Wiazma vor dem Feind einzutreffen und ihm eine entschiedene Niederlage beizubringen*)[2]. Dem alten Marschall[GWR 2] mochte aber diese Niederlage zu unsicher gewesen seyn, und er gedacht haben, daß wir auch ohne Schlacht durch Hunger und Kälte bald zu Grunde gehen würden. Uebrigens hätte auch seine Armee auf der verheerten Hauptstraße großen Mangel zu erleiden gehabt, wogegen der eingeschlagene Weg über Jelnia Subsistenzmittel aller Art darbot.

Gegen Jelnia war, von der in Smolensk befindlichen Division des Generals Baraguay-d’Hilliers, eine Brigade bis nach Liakhowo vorgeschoben worden, um die daselbst errichteten Magazine zu decken. Diese Brigade wurde am 9.ten von der Vorhut der rußischen Armee angegriffen und nach einem heftigen Widerstande gezwungen, die Waffen zu strecken.


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So vereinigte sich Alles, um uns die gehegte Hoffnung zu rauben, daß wir in Smolensk das Ende unserer Leiden finden würden, und es war nicht mehr zu bezweifeln, daß wir neuen Schrecknissen jeglicher Art entgegen gehen sollten.

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Es war mir gelungen, mich in diesem allgemeinen Elend möglichst gut durchzubringen. Von Gjatsk an hatte meine Nahrung meistens in Pferde- und Hunde-Fleisch bestanden. Gebrach es an Zeit zum Abkochen, so wurde ein Stück Pferdefleisch an die Spitze des Säbels gesteckt und über dem Feuer geröstet. Hatte ich dazu ein Stückchen vom schwärzesten Brod, welches nur selten mit Geld aufzubringen war, und ein wenig Salz, so glaubte ich ein köstliches Mahl gehalten zu haben. Auch ein Brei von Kleie mit Talg geschmalzt, war nicht zu verachten. Bei Wiazma, am 2.ten November verzehrten Wildermuth und ich den ersten Hund, dessen Fleisch uns weit schmackhafter dünkte, als das der Pferde. Was uns bei dieser schlechten Kost eigentlich erhielt, war Kaffe, den wir in größt möglichster Menge von Moskau mitgenommen


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hatten und als ein kostbares Gut bewahrten. Er war immer das Erste, was zum Feuer gestellt wurde.

Am Morgen des 7.ten Novembers trennte ich mich von Freund Wildermuth, der immer noch den Adjutantendienst bei dem 2.ten provisorischen Bataillon versah, um nach Smolensk vorauszugehen und, je nach den Umständen, Anordnungen zu unserm weiteren Fortkommen zu treffen, denn wir hatten beschlossen uns von dort an nicht mehr zu trennen, sondern gemeinsam zu ertragen, was uns das Schicksal bescheiden würde. Der treue Freund theilte beim Abschied ein Restchen getrocknete Feigen mit mir, die er seit Moskau für den ärgsten Hunger aufbewahrt hatte. Ich nahm zwei Soldaten und drei Pferde mit. Der Schnee fiel in dicken Flocken, so daß man nur auf kurze Entfernung vor sich sehen konnte. Trotz aller Anstrengung war es nicht möglich an diesem Tage den Dnieper zu erreichen, es blieb daher nichts übrig, als in dem großen Tannenwalde, in dem wir den ganzen Tag marschirt waren, einen möglichst guten Lagerplatz zu suchen.


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Für die Pferde hatten wir in einem Dorfe etwas Stroh gefunden, uns fehlte es aber an Allem, weshalb es nöthig wurde, eines der Pferde zu tödten, von dem wir dann die besten Stücke: Zunge und Fleisch aus den Keulen, verzehrten. Am 8.ten Morgens überschritten wir den Dnieper. Es war mir gelungen von einem französischen Offizier einen gut beleibten Hund zu erbeuten, indem ich unbemerkt den Strick abschnitt, an welchem er ihn führte. Dieser gestohlene Hund nun sollte uns zum leckern Mahle dienen, was wir jedoch ungestört verzehren wollten; da es nun unumgänglich nöthig war unseren, kaum noch fortzubringenden Pferden etwas Futter zu verschaffen, so wendeten wir uns gegen Abend links der Straße um ein Obdach zu suchen. Wir fanden auch, nachdem ich unterwegs Gelegenheit gehabt hatte, ein Stück sogenanntes Brod, d.h. auf einer Handmühle etwas geschrotete und dann zusammengebackene Roggenkörner, zu kaufen, ungefähr eine halbe Stunde seitwärts eine Scheune und in dieser herrliches Haberstroh für die Pferde. Die Hundekeule stand


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bereits am Feuer und mit Sehnsucht erwarteten wir, daß sie hinlänglich gekocht sey, da erschien eine Abtheilung Soldaten von der jungen Garde, die uns vom Feuer und aus der Scheune jagen wollten. Nur mit vieler Mühe gelang es meinen Vorstellungen, daß sie uns an unserem eigenen Feuer duldeten, und des Hungerdefleisches[GWR 3] nicht beraubten, was uns denn auch herrlich schmeckte.

Die Garden waren der ausschließliche Gegenstand aller Sorgfalt des Kaisers; sie allein erhielten die geringen Vorräthe von Lebensmitteln, die sich noch hin und wieder fanden, und durften auch die übrigen Truppen berauben, ohne daß die dagegen erhobenen Klagen von Erfolg gewesen wären. Sie waren daher auch bei der Armee verhaßt.

Am Morgen des 9.ten brachen wir nach Smolensk auf. Das Schlachtfeld von Valutina-Gora, welches wir zu überschreiten hatten, glich einem großen Kirchhofe, denn es war fortwährend mit den Trümmern der Schlacht und mit halbverwesten Leichnamen bedeckt, die unter dem Schnee kleine Hügel bildeten. Man hatte sich


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nicht einmal die Mühe gegeben, die Leichname aus dem Wege zu räumen, Fuhrwerke, Pferde, Alles war über sie weggegangen.

In der Vorstadt von Smolensk angekommen, stieß ich auf die Garde, welche im Begriff war über die Brücke zu marschiren. Ich hoffte, mich an diese Truppe anschließend, in die Stadt gelangen zu können, die Wache wies mich jedoch zurück, weil auf Befehl des Kaisers einem jedem einzelnen Militair der Eintritt in die Stadt verboten sey. Ich sah mich daher genöthigt, in den Trümmern der Vorstadt, welche wir drei Monate früher mit stürmender Hand eingenommen hatten, eine Unterkunft zu suchen. Kaum daß ich an einer Mauer Schutz vor dem schneidenden Nordwinde finden konnte. Nach und nach versammelten sich Einzelne um mein Feuerchen unter denen mehrere Württemberger. Der Rest meines Hundes diente uns und ein wenig mitgebrachtes Stroh meinen Pferden zur kärglichen Nahrung, mir mein, auf dem Schnee ausgebreitetes, Bärenfell zum Lager und ein abgetragener Mantel zur


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Bedeckung. Vor dem Einschlafen wurden die Zügel der Pferde um den Arm geschlungen, welche Vorsicht sehr nöthig war, wenn man sich nicht beraubt sehen wollte. Am andern Morgen lag der Schnee hoch auf mir, das Feuer war verloschen und um mich her eine öde Stille, denn Ermattung hatte Alle in den tiefsten Schlaf versenkt. Bald waren wir jedoch zum Aufbruche gerüstet und diesesmal gelang es uns durch das offene Thor einzutreten, indem die Wache vor der Kälte Schutz gesucht und den Eingang ohne Aufsicht gelassen hatte. Nach einigem Suchen fanden wir das württembergische Hospital, dessen Arzt Gärtner, bei dem 1.ten Infanterie-Regiment als Oberarzt stand. Wir erfreuten uns einer herzlichen Aufnahme, warmer Zimmer und einer, für die Verhältnisse herrlichen Kost, auch unsere Pferde konnten wir unterbringen, nur fehlte es sehr an Futter.

Bei dem Versuche am Tage zuvor in die Stadt zu gelangen, sprach ich mit einem der alten Schnurrbärte der Garde, welcher mir erzählte, daß in Paris ein


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Unternehmen, die Regierung des Kaisers zu stürtzen, statt gefunden habe, aber glücklicherweise mißlungen sey. Es war dieses das bekannte Unternehmen des Generals Malet, welches anfänglich einen unbegreiflich glücklichen Erfolg hatte, aber schnell unterdrückt wurde, indem es ein isolirtes Beginnen war, ohne die geringste Aussicht auf Erfolg. Bei der Armee machte diese Nachricht gar keinen Eindruck; ein Jeder war zu sehr durch seine Selbsterhaltung in Anspruch genommen, als daß er andern Gedanken hätte Raum geben können.

Freund Wildermuth hatte am 10.ten die Erlaubniß erhalten voraus zu gehen, indem die Mannschaft des provisorischen 2.ten Bataillons so zusammengeschmolzen war, daß einem Hauptmann das Commando übertragen wurde. Am 11.ten kam er in Begleitung zweier Soldaten, des Corporals Rösch und dessen Frau an das Thor, wurde aber auch nicht eingelassen, und mußte den größten Theil der Nacht an der Stadtmauer zubringen. Erst gegen Morgen gelang es ihm in die Stadt zu kommen. Ein Pochen am


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Fenster und die wohlbekannte Stimme meines Freundes, der Einlaß begehrte, weckte mich aus dem Schlafe. –

Große Freude hatten wir uns wieder zu sehen, denn in den wenigen Tagen der Trennung lagen so viele Gefahren, daß man wohl fürchten konnte, sich nicht wieder zu finden.

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  1. *) Fabers Blätter, N.ro 79. bis 83.
  2. *) Boutourlin, 2 ter Band, Seite 193.

Anmerkungen der Artikel Redaktion im GenWiki:

  1. Ab hier wechselt die Handschrift!
  2. gemeint ist: Kutusow
  3. Durchstreichung im Original.