Tage-Buch von 1812/Einleitung

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Einleitung.

Veranlaßung zu dem Kriege zwischen Frankreich und Rußland. Geringer Beifall welchen derselbe in Frankreich fand. Streitkräfte der beiden Mächte.

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Der Keim zu einem neuen Krieg zwischen Rußland und Frankreich lag schon in dem Friedens-Traktat von Tilsit: denn wenn auch der Kaiser Napoleon sich bei dieser Gelegenheit dem Kaiser Alexander in mancher Beziehung gefällig gezeigt und ihn dadurch persönlich gewonnen hatte, so konnten doch die Rußen ihre Niederlage nicht vergessen. Auch wurden ihre Handelsverhältniße durch den Beitritt zu dem Continentalsystem, durch welches Napoleon die Engländer zu bekämpfen suchte, auf eine höchst empfindliche Weise gefährdet, so daß bereits gegen das Ende des Jahres 1810 die rußische Regierung, zum großen Ärger Napoleons, sich veranlaßt sah, einen neuen Handels-Tarif einzuführen, welcher


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die dem Handel geschlagenen, immer empfindlicher werdenden, Wunden heilen sollte. Eine Haupttriebfeder des verhängnißvollen Kriegs war aber der unersättliche Ehrgeitz und die Herrschsucht Napoleons. Er wollte Herr von ganz Europa werden. Zu diesem Endzweck wurden nicht allein alle Rheinbundesfürsten aufgefordert, ihre Contingente zu stellen, sondern auch Östereich und Preußen zu Traktaten veranlaßt, welche die Stellung von Hülfstruppen und einen thätigen Antheil an dem Krieg zur Folge hatten. Minder glücklich waren in dieser Beziehung die Unterhandlungen mit Schweden und der Türkey: ersteres versagte die Theilnahme an dem bevorstehenden Kampf und letztere schloß mit Rußland Friede, gerade wie der Krieg mit Frankreich begann.

In Frankreich fand dieser Krieg wenig Beifall. Selbst die Marschälle, welche voraussahen, daß dabei nichts zu gewinnen war, ihren Ruhm und die in den glorreichen Zeiten des Reichs erworbenen Schätze aber nicht gerne auf’s Spiel setzen wollten, sprachen sich mehr oder weniger bestimmt dagegen aus, und stellten dem Kaiser vor, wie gefahrvoll


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das Unternehmen sey, doppelt gefahrvoll, weil ein großer Theil der französischen Armee in Spanien beschäftigt und keineswegs zu hoffen wäre, den dortigen Krieg bald zu beendigen. –

Sein Entschluß war jedoch gefaßt, und die Zubereitungen waren so großartig, daß allerdings der Erfolg nicht zweifelhaft zu seyn schien.

Die Armee, welche Napoleon gegen Rußland führte, hatte folgende Stärke und Eintheilung: *) [GWR 1]
Die Garde ----------- -------------- ------- 47,000
Das 1te Armee-Corps, Marschall Davoust 72,000
" 2te ---- " ---- -- " -- Oudinot 37,000
" 3te ---- " ---- -- " -- Ney 39,000
" 4te ---- " ---- -- " -- Vice König v. Italien    45,000
" 5te ---- " ---- -- " -- Gen. Poniatowsky 36,000
" 6te ---- " ---- -- " -- St. Cyr 25,000
" 7te ---- " ---- General Reynier 17,000
" 8te ---- " ---- -- " -- Jünot 17,000
" 9te ---- " ---- Marschall Victor 33,000
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*) Chambray, histoire de l´expédition de Russie, und Clausewitz, 7ter Band, S. 91


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10tes Armee-Corps, Marschall Macdonald 30,000
11tes -- " -- Augereau 60,000
Vier Reserve Cavalerie-Corps, König von Neapel 40,000
Das oestereichische Hülfs-Corps, Fürst Schwarzenberg 30,000
Zusammen 528,000 Mann.

Diese Armee hatte 182,000 Pferde und 1372 Geschütze. Die Depots welche ihr folgten, die Mannschaft des Trains, und ihr übriges ungeheueres Gefolge, berechnen sich auf 82,000 Menschen. Von der Armee betraten 440,000 Mann gleich zu Anfang des Feldzuges, das 9te und ein Theil des 11ten Armee-Corps aber erst später den rußischen Boden.

Die Armee war gut eingeübt und von einem guten Geist beseelt. Die Truppen des Rheinbundes, stolz unter einem so großen Feldherrn zu dienen, hatten vergessen, daß es ein deutsches Vaterland gab, und wenn auch hin und wieder ein demüthigendes Gefühl erwachte, daß die Deutschen selbst dazu beitragen sollten, die geschlagenen Fesseln immer fester zu ziehen, so lag doch der Gedanke an eine Befreiung von dem französischen Joch so fern, daß er vor der Aussicht


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auf die, in dem bevorstehenden Feldzug zu erlangenden Vortheile verschwand. Es bewarben sich sogar mehrere deutsche Fürstensöhne, unter ihnen unser Kronprinz, um die Gunst, unter dem Kaiser zu dienen.

Die Polen, an und für sich vortreffliche Soldaten, träumten von einer Herstellung ihres Königreiches und wünschten nichts so sehr, als sich für die vielen von den Rußen erhaltenen Unbilden zu rächen. Die Östereicher und Preußen konnten zwar nur mit Mühe den Gedanken ertragen, unter den Befehlen und zu den Zwecken eines Mannes dienen zu sollen, der ihren Nationalstolz so empfindlich beleidigt hatte, sie gehorchten jedoch den Befehlen ihrer Fürsten, deren Politik nicht erlaubte, sich dem Willen des allmächtigen Kaisers zu widersetzen.

Der Armee folgte ein enormes Fuhrwesen; eine Unsumme von Verpflegsbeamten gleich wie Handwerker aller Art waren ihr beigegeben, so daß es den Anschein gewann, als ob der Kaiser die Absicht habe, Colonien in entfernten, von Hülfsmitteln entblößten, Ländern zu gründen.

Die Rußen konnten, bei Eröffnung des Feldzuges, dem


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eindringenden Feind an der Grenze nicht mehr als 180,000 Mann entgegenstellen; in zweiter Linie stand eine Reserve-Division von 35,000 Mann, welche erst später in Wirksamkeit trat. *) Die Armee war vortrefflich ausgerüstet und begierig sich mit einem Feind zu messen, der es wagte die Unabhängigkeit des Vaterlandes anzutasten. In der Armeeführung war aber kein Zusammenhang und eine große Unschlüßigkeit. Der Kaiser, welcher dieselbe selbst übernommen hatte, verstand es nicht eine Armee zu commandiren, woraus dann hervorging, daß man noch nicht über den Plan des Feldzuges einig war, als Napoleon die rußische Grenze überschritt.

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*) Clausewitz 7ter Band, S: 45 und
Boutourlin, histoire militaire de la campagne de Russie, T:1r p. 152.
Aus diesem Werke eines Rußen sind überhaupt die Angaben über die Stärke der rußischen Armee entlehnt.




Anmerkung der Redaktion:

  1. Die Seitenangabe ist für Clausewitz falsch. Clausewitz gibt auf den Seiten 38 ff. eine Übersicht über die Truppenstärken Napoleons. Die hier genannen Zahlen findet man auf S. 40-41 bei Clausewitz wieder. Siehe: Über Krieg und Kriegführung (Clausewitz)/Band 7